Was ist passiert?

Im Juli 2026 gab „Wiki Workers United U.S.“ – eine Gruppe von Mitarbeitenden der Wikimedia Foundation, die eine Gewerkschaftsgründung anstrebt – bekannt: Sie haben die Wikimedia Foundation dazu aufgefordert, die „Communications Workers of America“ (CWA) freiwillig als ihre Gewerkschaftsvertretung anzuerkennen. Die Mitarbeitenden hatten dafür sogenannte Union Authorization Cards unterzeichnet.

„Wiki Workers United“ forderte die WMF daher auf, mit der CWA Verhandlungen aufzunehmen. Daraufhin schlug die Wikimedia Foundation Anfang August vor, zunächst eine geheime Abstimmung über die Frage der Gewerkschaftsgründung unter Aufsicht des National Labor Relations Board (NLRB) abzuhalten.

Dieses Vorgehen erzeugte Kritik. Der Vorwurf: Es handele sich dabei um eine Verzögerungstaktik, mit der die gewerkschaftliche Organisation der Mitarbeitenden verhindert werden soll.

Um eine Abstimmung für die Mitarbeitenden der WMF zu organisieren, wandte sich die Gewerkschaft CWA an das NLRB. Diese Bundesbehörde ist für die Überwachung der rechtmäßigen gewerkschaftlichen Organisation von Beschäftigten im privaten Sektor zuständig. Die Abstimmung wird am 3. September. abgeschlossen sein.

Bei der Registrierung beim NLRB hat die Wikimedia Foundation auch ihre anwaltliche Vertretung angegeben: Die Kanzlei Littler Mendelson. Das geht aus einem Medienbericht hervor. Die Quelle dafür: Wikipedia selbst und ein dort verlinktes offizielles Dokument. Allerdings ist die Seite des NLRB mit einer deutschen IP-Adresse aktuell nicht aufrufbar.

Deswegen ist der Betriebsrat für Wikimedia Deutschland wichtig

Die Wahl dieser Kanzlei hat Kritik am Vorgehen der Wikimedia Foundation hervorgerufen. Der Grund: Littler Mendelson ist für sogenanntes Union Busting bekannt. Die Kanzlei hat laut Medienberichten, die in einem Wikipedia Artikel zitiert werden, bisher Unternehmen – darunter Starbucks, Amazon und Apple – beraten, wie sie vermeiden können, dass die Mitarbeitenden sich gewerkschaftlich organisieren.

Aus Sicht von Wikimedia Deutschland ist es daher verständlich, dass die Entscheidung der WMF, die Anwaltsfirma Littler Mendelson als Vertretung im Gewerkschaftsgründungsprozess heranzuziehen, Kritik und Irritationen hervorruft.

Franziska Heine, Portrait
Wikipedia steht für Kooperation und Werte wie Partizipation, Transparenz sowie das Finden eines bestmöglichen Konsens. Diese zentralen Merkmale der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte sind zugleich ihre größte Stärke. Sie schaffen Vertrauen und Akzeptanz. Es sind eben diese Werte, die ihren Ausdruck auch in der Aushandlung von Arbeitnehmenden- und Arbeitgebendeninteressen finden.
Franziska Heine Geschäftsführende Vorständin Wikimedia Deutschland

Dabei bestreitet Heine nicht, dass es anstrengend sein kann, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmendenvertretung miteinander verhandeln. Aber der große Mehrwert eines Betriebsrats sei einfach unübersehbar.

Der Betriebsrat setzt eigene Impulse und kann dazu beitragen, potenzielle Konflikte zu erkennen. Ganz besonders wichtig ist für uns als Arbeitgeber: Er unterstützt uns dabei zu lernen, was Menschen bei Wikimedia Deutschland hält und wo wir noch besser werden können.
Franziska Heine Geschäftsführende Vorständin, Wikimedia Deutschland

So blicken Betriebsratsmitglieder auf ihr Engagement

Den Betriebsrat bei Wikimedia Deutschland gibt es bereits seit 2014.

Seit 2022 ist Merle von Wittich eines der insgesamt sieben Betriebsratsmitglieder. Sie arbeitet seit 2011 für Wikimedia Deutschland und kümmert sich im Team Community und Engagement um Formate, die Wikipedianer*innen dabei unterstützen, neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Ihre Erfahrung darin, Unterstützungsangebote zu entwickeln und ihr Gestaltungswille haben sie dazu motiviert, sich auch für die Interessen der Mitarbeitenden von Wikimedia Deutschland einzusetzen.

Betriebsratsarbeit ist in Deutschland der beste Weg, Aushandlungsprozesse in ein Unternehmen zu übertragen. So leben Grundprinzipien der Wikipedia wie Kooperation und Partizipation auch im Kollegium und im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmenden fort.
Merle von Wittich Referentin Community-Netzwerk, Wikimedia Deutschland

Merles Lieblingsthema ist Gesundheit. Sie findet es wichtig, gemeinsam mit dem Arbeitgeber Angebote zu entwickeln, die sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit fördern. Den Gesundheitstag für alle Mitarbeitenden hat sie mit dem Betriebsrat angestoßen und gemeinsam mit der Personalabteilung und der Abteilung Finanzen umgesetzt. Gleiches gilt für eine Analyse der Arbeitsbedingungen bei Wikimedia Deutschland. Das Ziel: Stressfaktoren am Arbeitsplatz zu erkennen und so die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen.

Lucas Werkmeister kommt ebenso wie Merle von Wittich aus einem Bereich bei Wikimedia Deutschland, der die Community der Ehrenamtlichen unterstützt. Er arbeitet als Softwareentwickler an der größten freien und offenen Wissensdatenbank Wikidata mit. Er ist seit 2017 bei Wikimedia Deutschland und hat sich im Jahr 2018 erstmals zur Betriebsratswahl gestellt.

 

Der Betriebsrat ist für mich die Stelle, die am besten dafür geeignet ist, um ein vollständiges und realistisches Bild von der Situation der Arbeitnehmenden zu bekommen – und sie daraus resultierend unterstützen kann, ihr Arbeitsumfeld zu verbessern.
Lucas Werkmeister Software Entwickler, Wikimedia Deutschland

Lucas fallen dabei zahlreiche Betriebsvereinbarungen ein, die genau das erreicht haben und im Kollegium sehr geschätzt werden. Etwa zum mobilen und hybriden Arbeiten, zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement oder zum Gehaltssystem. Wobei ein Betriebsrat nur die Entlohnungsgrundsätze, aber nicht deren Höhe aushandeln kann. Eine Gewerkschaft, die einen Tarifvertrag aushandeln könnte, hat Wikimedia Deutschland noch nicht.

Ob die beiden Konflikte oder Probleme im Aushandeln von Konflikten sehen? Spannungen gibt es sicherlich manchmal, so Merle von Wittich, aber die seien produktiv. Sie erlebt einen wertschätzenden Umgang miteinander – im Betriebsrat und in Gesprächen mit dem Arbeitgeber. Sie und Lucas Werkmeister sind sich einig: Auch wenn wir nicht immer übereinstimmen, können wir doch zu verschiedenen Themen gut zusammenarbeiten. Am Ende gehe es darum, sich auszutauschen und Lösungen für Mitarbeitende zu erarbeiten.

So geht es in den USA jetzt weiter

Die Stimmzettel für die NLRB-Abstimmung wurden bereits am 11. August an die berechtigten Wikimedia-Mitarbeitenden in den USA versandt. Am 3. September 2026 werden sie in der Regionalstelle der NLRB in San Francisco ausgezählt. Sollte diese Abstimmung auch ergeben, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden sich gewerkschaftliche Vertretung wünscht, gehen wir davon aus, dass die Wikimedia Foundation sich in konstruktive und faire Verhandlungen mit der Gewerkschaft begeben.

Wie Wikipedia-Arbeit die Demokratie stärkt

Thursday, 3 September 2026 07:06 UTC

Demokratie lebt von Beteiligung. Aber damit die Bürger*innen sich einbringen und informierte Entscheidungen treffen können, brauchen sie verlässliches Wissen und eine gemeinsame Faktengrundlage – das gilt besonders vor Wahlen. Wikipedia bietet diese Informationen kostenlos und frei zugänglich. Die Vielzahl von Artikeln zu Politiker*innen, Parteien, den Abläufen verschiedener Wahlen oder auch zur Demokratiegeschichte in Deutschland werden von einer engagierten Community sorgfältig recherchiert, geprüft und verständlich aufbereitet.

Gleichzeitig gibt es wichtige Projekte: Wiki Loves Parliaments widmen sich speziell der Darstellung von Landtagen und ihrer Zusammensetzung. Wiki Loves Democracy wiederum verhilft demokratischen Vereinen, Institutionen und Strukturen zu mehr Sichtbarkeit in der Wikipedia.

„Das Mitmachen in der Wikipedia selbst bedeutet einen Beitrag zur Demokratie“, findet der Wikipedianer Kupaka. Schließlich demokratisiert die Online-Enzyklopädie Wissen – und sie funktioniert selbst nach demokratischen Prinzipien: alle können mitmachen.

Wir wissen aus Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen die Demokratie als Regierungsform unterstützt – aber viele sind mit ihrem Funktionieren nicht zufrieden. Wer an Wikipedia-Artikeln mitwirkt, hilft, das Funktionieren zu verbessern.
Bärbel Miemietz Ehrenamtliche

NGOs in der Wikipedia sichtbar machen

Ein konkretes Beispiel dafür ist der Edit-a-thon „Editiere Deine Lieblings-NGO“, den die beiden vor kurzem im lokalen Raum Wikipedia:Hannover erstmals organisiert haben – als Teil von „Wiki Loves Demokratie“. Der Impuls dazu kam von Kupaka: „Mein Ausgangspunkt war der weltweite Rechtsruck“, erzählt er. „Ich wollte sichtbar machen, welche vielfältigen Organisationen es in der Zivilgesellschaft gibt, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, indem sie verschiedene Bereiche der Demokratie stärken.” Oftmals geraten NGOs ins Visier der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, besonders, wenn sie staatliche Förderung erhalten.

Für die Schreibwerkstatt – an der auch Ehrenamtliche aus Berlin und München sowie weitere Online-Teilnehmende mitgemacht haben – erstellte Kupaka eine umfangreiche Liste von demokratiestärkenden und zivilgesellschaftlich relevanten Organisationen, deren Wikipedia-Artikel ausbaufähig sind oder die noch gar keinen Eintrag besitzen. Die Spanne reicht von Organisationen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung einsetzen, über Faktenchecker*innen wie HateAid bis hin zu Umweltschutzorganisationen wie dem NABU. Bärbel Miemietz, die als Wikipedianerin einen Schwerpunkt auf Gleichstellungsthemen hat, widmete sich während des Edit-a-thons beispielsweise dem Deutschen Ärztinnenbund.

„Die Themen fliegen einem zu“

Die Veranstaltung hatte so viel positive Resonanz, dass im November eine zweite Ausgabe folgt. Die beiden Wikipedia-Aktiven wünschen sich, dass dann möglichst viele der insgesamt sechs von Wikimedia Deutschland geförderten Lokalen Community-Räume ihre Türen für Teilnehmende öffnen. Und dass sich noch mehr Neulinge für den Edit-a-thon interessieren. Denn willkommen sind natürlich nicht nur gestandene Wikipedianer*innen, sondern alle Interessierten.

Vielleicht ist der Benefit der Arbeit in der Wikipedia manchen noch nicht klar genug: dass man damit eine große Reichweite hat und viel bewegen kann.
Kupaka Ehrenamtlicher

Save the Date: 21. 11. 2026 von 10 bis 18 Uhr, Hannover

Edit-a-thon „Editiere Deine Lieblings-NGO“

Neue Interessierte und erfahrene Wikipedianer*innen sind willkommen. Wer nicht vor Ort dabei sein kann, kann online teilnehmen. Anmeldung unter: einladung-hannover@wikipedia.de

Er selbst investiert fünf bis zehn Stunden pro Woche in die Wikipedia-Arbeit, befasst sich vor allem mit Themen im Bereich natürliche Rohstoffe, Treibhausgase oder europäische Klimapolitik – „da ist vieles in der Pipeline, das noch bearbeitet werden müsste“, so Kupaka. Für Bärbel Miemietz ist ihr Ehrenamt sogar „mindestens ein Halbtagsjob.“ Eigentlich sei sie im Kopf immer mit Wikipedia beschäftigt, fotografiert neben der Artikelarbeit auch. „Wenn ich in Hannover durch die Straßen laufe, sehe ich ständig Motive, die ich gerne bei Wikimedia Commons hochladen und in Artikel einfügen oder mit Wikidata verknüpfen möchte. Die Themen fliegen einem zu!“

Doch selbst wer nur die Zeit hat, eine kleine Änderung in der Wikipedia vorzunehmen, leistet einen wertvollen Beitrag. Jeder Edit zählt.

Wünsche für die Zukunft der Demokratie

„Nur sein Kreuz bei Wahlen zu machen, das genügt nicht mehr für die Stärkung der Demokratie“, ist Kupaka überzeugt. „Gerade dann nicht, wenn sie unter Druck gerät.“ Schon deswegen hält er es für sinnvoll, sich durch die Arbeit in der Wikipedia demokratisch zu engagieren. Bärbel Miemietz ergänzt, was sie als klare Botschaft von der diesjährigen Wikimania in Paris mitgenommen hat:

Wikipedia ist einer der letzten Orte, an denen Texte noch von Menschen geschrieben, geprüft und mit renommierten Quellen belegt werden – das macht sie verlässlich. Nur durch Menschen kann auch neues Wissen entstehen, während eine KI lediglich Vorhandenes reproduziert.

Für die Zukunft der Demokratie hat sie einen klaren Wunsch: „Dass sie uns erhalten bleibt – und mehr Menschen realisieren, dass sie keine Selbstverständlichkeit ist.“ Die Populisten machten einem sehr genau vor, was es zu vermeiden gelte, zählt Kupaka auf. Zum Beispiel: „Die Verdrehung von Fakten, Schwarzweiß-Denken, die Abwertung von politischen Gegnern.“ Das Gegenteil davon sei anstrengender und koste mehr Zeit, aber es bleibe unerlässlich, betont Bärbel Miemietz: „Sich informieren, einander zuhören, gemeinsam klären, was die Fakten sind“. Auch dafür ist die Wikipedia das beste Beispiel.

Publikation: Wissen teilen ist Demokratie leben

Wie hängen Freies Wissen und Demokratie zusammen, und was kann jede*r Einzelne tun, um sie zu stärken?

In eigener Sache

Wikimedia Deutschland vertritt die Werte von Beteiligung, Diversität, freiem und offenem Zugang, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und respektvolle Zusammenarbeit. Wir positionieren uns klar gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Verletzung der Menschenwürde und Nichtachtung der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Darum geht es im Fall „Bayern gegen Markus Drenger“

Der Open-Data-Aktivist Markus Drenger hatte Geodaten bei GitHub veröffentlicht. Konkret geht es um eine Tabelle mit Koordinaten, Höhen und Umrisse von Häusern. Ein gutes Beispiel dafür, wie Ehrenamtliche immer wieder öffentliche Daten von verschiedenen Stellen zusammentragen – für andere Ehrenamtliche, Kommunen, Unternehmen oder auch Forschende.

Die Daten werden in den 16 Bundesländern erhoben. Dann werden sie in der Datenbank „Hauskoordinaten Deutschland“, der HK-DE, zusammengeführt und vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie auf deren Webseite veröffentlicht. Drenger hatte die Daten später auf der Website des Bundesamts für Luftsicherheit gefunden. Weil sie dort frei zugänglich waren, ging Drenger davon aus, dass es sich um öffentliche Daten im Sinne des Datennutzungsgesetzes (DNG) handelte. Das DNG regelt, dass unter anderem Daten von öffentlichen Stellen wie Kommunen oder Behörden für jeden kommerziellen oder nichtkommerziellen Zweck genutzt werden dürfen. Damit können Behörden sich nicht auf das Datenbankherstellerrecht berufen.

Trotzdem erhielt Markus Drenger 2021 Post vom bayerischen Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung. Die Behörde war der Ansicht: Weil es den Datensatz mit Postleitzahlen der Deutschen Post ergänzt hatte, habe es eine schützenswerte Leistung erbracht. Es berief sich dabei auf das Datenbankherstellerrecht. Das soll wirtschaftliche Investitionen schützen, die Personen oder Unternehmen tätigen, um Datenbanken herzustellen.

Bereits hier wird deutlich: Die Ausgangslage ist kompliziert. Verschiedene Behörden sind involviert. Das Risiko: Sind gesetzliche Regelungen unklar, vertreten Behörden unterschiedliche Auffassungen zu Gesetzen, die den Umgang mit Daten regeln.

Ein Prozess um offene Daten – aber mit existenziellen Folgen

Der Freistaat Bayern klagte auf Unterlassung und wollte von Drenger Auskunft über die von ihm veröffentlichten Daten erhalten. Und damit nicht genug: Das Amt forderte außerdem Schadenersatz – und der hätte in die Millionen gehen können. Das berichtet der Open-Data-Aktivist im Wikimedia-Podcast Monsters of Law.

Mit dem Abspielen des Videos erklären Sie sich damit einverstanden, dass YouTube und Google Ihre Daten speichern und verarbeiten dürfen. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung von Google.

Denn die Behörde möchte mit öffentlich finanzierten Geodaten, die sie um Postleitzahlen ergänzt hat, Geld verdienen, indem sie für die Lizenzierung und Bereitstellung Gebühren erhebt. Und das nicht zu knapp. Etwa 1,3 Millionen Euro für Lizenzen habe das Amt eingenommen, sagt deren Vertreter im Gerichtsverfahren. Für Markus Drenger war der Prozess also auch eine existenzielle Frage, wie er im Podcast beschreibt. Grundlegende Lebensfragen lagen für ihn über Jahre auf Eis. Denn für Drenger blieb unklar, ob er für die Bereitstellung von öffentlichen Daten am Ende Millionen Euro Schadenersatz zahlen müsste.

Unsere Argumentation für frei nutzbare Geodaten

Markus Drenger und Wikimedia Deutschland meinen: Die Datenbank mit den betroffenen Geodaten fallen in den Anwendungsbereich des Datennutzungsgesetzes. Sie sind damit unserer Ansicht nach nicht nach dem Datenbankherstellergesetz als Datenbank schützbar.

Hinzu kommt: Die fraglichen Daten werden von den Vermessungsämtern in den Ländern erfasst – also mit unseren Steuergeldern finanziert. Daher sollten sie auch der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen. Getreu dem Grundsatz: Öffentliches Geld – Öffentliches Gut. Dieses Prinzip liegt auch der Open Data Richtlinie der EU und dem daraus resultierenden deutschen Datennutzungsgesetz zugrunde.

So ging der Prozess aus

Um die strittigen Fragen zur Nutzung der Daten zu klären, fand am 30. Juli 2026 der Prozess vor dem Oberlandesgericht München statt. Wikimedia Deutschland unterstützt den Open-Data-Aktivist Markus Drenger, weil es darum geht, wie viel öffentlich finanziertes Wissen auch öffentlich verfügbar ist und von uns allen rechtssicher genutzt werden kann.

Das Ergebnis: Die Klage des Freistaates wurde abgewiesen – aber das erfolgte lediglich aufgrund eines Prozessfehlers. Gut für Drenger, denn er muss keinen Schadenersatz in Millionenhöhe zahlen. Aber für alle, die öffentliche Daten nutzen wollen, hat der Prozess keine Klarheit gebracht. Denn Inhaltliche Fragen zum Datennutzungsgesetz wurden nicht geklärt.

Das sollte sich jetzt ändern

Das Verfahren hat erneut gezeigt, dass es in den Bundesländern unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie das Datennutzungsgesetz anzuwenden ist. Einige Länder veröffentlichen Geodaten und machen sie frei zugänglich und für jeden Zweck nachnutzbar. Andere, wie der Freistaat Bayern, meinen, es handele sich um geschützte Datenbanken. Vor allem dann, wenn Datensätze der öffentlichen Hand mit Daten von Unternehmen angereichert werden.Für Behörden gibt es weiterhin ein Schlupfloch, wenn öffentliche Daten durch private Daten ergänzt werden. Diese Rechtsunsicherheit muss geschlossen werden. Das wäre dadurch möglich, dass der Gesetzgeber klarstellt, dass eine Behörde sich auch dann nicht auf das Datenbankherstellerrecht berufen kann, wenn der Datensatz durch Dritte angereichert wurde. Insbesondere dann, wenn es – wie in diesem Fall – um Daten von Unternehmen geht, die Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahrnehmen.

Es gibt viele Kritikpunkte an Google. Der Konzern sammelt massenhaft Daten von uns Nutzer*innen: Suchanfragen, Standortdaten und Nutzungsverhalten werden zur Personalisierung und für Werbung ausgewertet. Dagegen können wir uns nur begrenzt wehren. Zudem bleibt oft unklar, warum bestimmte Informationen gar nicht oder erst weit hinten in den Suchergebnissen auftauchen. Je nach Standort und Suchverlauf können diese ganz unterschiedlich ausfallen. Das birgt die Gefahr, dass wir weniger unterschiedliche Perspektiven zu sehen bekommen.

Die Realität ist aber: Menschen sind Gewohnheitstiere. Google wird mit Abstand am häufigsten für die Suche im Netz genutzt. Wir geben Tipps dafür, wie Nutzende mit Wikipedia die Google-Suche besser machen können und welche Suchmaschinen-Alternativen es gibt.

So stellen Sie Wikipedia als bevorzugte Quelle ein

Sie wollen Google weiter nutzen, aber legen Wert darauf, dass bei den Suchergebnissen seriöse Quellen, gute Überblicksdarstellungen und gesichertes Wissen im Vordergrund stehen? Dann ab in die Einstellungen! Seit kurzem können Nutzende dort auch Wikipedia als bevorzugte Quelle auswählen. So geht’s!

  1. Google-Konto anklicken
  2. Menüpunkt „Personalisierung der Suche“ auswählen
  3. Option „Bevorzugte Quellen“ suche
  4. Wikipedia eintippen und auswählen
  5. Mit direktem Draht zu freiem und verlässlichen Wissen suchen

 

Wikipedia als bevorzuge Quelle bei Google hinzufügen

So erhöhen Sie die Chance, dass bei Google-Suchen Informationen aus der Wikipedia angezeigt werden – transparent, quellengeprüft und von Menschen gepflegt.

Warum die Suche besser ist als der KI-Modus

Wer die Google-Suche aktuell nutzt, hat es sicher schon bemerkt: Bei Suchanfragen erscheint inzwischen zunächst eine KI-generierte Übersicht. Erst darunter folgen die klassischen Suchergebnisse und Links zu verschiedenen Webseiten.

Doch dabei soll es nicht bleiben: Google hat angekündigt, von der klassischen Suche auf den KI-Modus als Standardeinstellung umzustellen. Das KI-Prinzip dürfte damit künftig noch stärker bestimmen, welche Informationen wir bei einer Suche zu sehen bekommen.

Das Problem: Eine KI liefert nur fertige Zusammenfassungen. Für Nutzende ist nicht ersichtlich, welche Informationen ausgewählt oder weggelassen wurden. Die Datengrundlage für das Training der KI sind ebenso wenig bekannt wie der Code und die Algorithmen, die ihr Zugrunde liegen. Kurzum: Sie ist eine Blackbox.

Neue KI-Google-Suche: Hochproblematisch für uns alle!

Die Pläne von Google sind also besorgniserregend. Denn dadurch verliert das Internet sein demokratisches Potenzial: den direkten Zugang zu einer Vielzahl unabhängiger Quellen.

Das Prinzip, dass Nutzende entscheiden, welche Quelle sie lesen, vergleichen oder für vertrauenswürdig halten, ist ein hohes Gut, das grundlegend verschoben wird. Es droht eine Verarmung der Informationsvielfalt, ein Mangel an Transparenz und noch stärkere Machtkonzentration und Abhängigkeit von wenigen Plattformen.
Lilli Iliev Leiterin Politik und Öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland

Hinzu kommen die bekannten Probleme von KI-Anwendungen: Sie erfinden Quellen oder geben falsche Antworten. Oder sie geben eine Quelle an, die den Inhalt gar nicht belegt. Laut einer Studie der Europäischen Rundfunkunion sind je nach Thema 15-40% der Antworten oder Quellen falsch. Generative KI scheint allwissend. Dabei erzeugen ChatBots lediglich plausibel klingende Texte nach Wahrscheinlichkeitsprinzip. Nur bei etwa 22% der Anfragen startet z.B. ChatGPT eine Websuche.

Wer Suchmaschinen nutzt, ist klar im Vorteil. Denn dort können wir selber entscheiden, welche Quellen wir lesen. Es ist möglich, verschiedene Sichtweisen zu vergleichen, das Veröffentlichungsdatum zu prüfen und zu zu erkennen, wer hinter einer Information steht. Für alle, die aufgrund der KI-Pläne von Google, der Monopolstellung oder aufgrund der Datensammelei des Konzerns andere Suchmaschinen nutzen möchten, gibt es tolle Alternativen.

Welche Alternativen zu Google gibt es?

Startpage

Startpage nutzt Google-Ergebnisse, erfasst aber laut eigenen Angaben keine IP-Adressen und nutzt keine Cookies zur Identifizierung der Nutzer. Daten werden nicht gespeichert und nicht an Dritte weitergegeben. Das heißt auch: Keine personalisierte Werbung. Die Anzeigen in Startpage basieren nur auf der aktuellen Suchanfrage.

Ein kostenloser Proxy-Service ermöglicht außerdem ein anonymes Surfen im Internet. Die Stiftung Warentest erklärte Startpage 2019 auch im Vergleich mit Google zum Testsieger. Das Hosting für europäische Nutzer*innen erfolgt in den Niederlanden.

DuckDuckGo

DuckDuckGo präsentiert Suchergebnisse aus verschiedenen Quellen: Yahoo!, Search BOSS und der eigene Webcrawler DuckDuck Bot. Dabei speichert es Suchanfragen nicht und erstellt kein Nutzendenprofil. Die Suchmaschine finanziert sich ebenfalls über Anzeigen, diese basieren jedoch auf der aktuellen Suchanfrage und nicht auf einem langfristigen persönlichen Profil.

Vor einigen Jahren hat DuckDuckGo Browser-Erweiterungen für Chrome, Safari und Firefox und Apps entwickelt. Sie sollen Google- oder Facebook-Tracker und andere Tracking-Dienste blockieren.

Mit Search Assist bietet DuckDuck auch einen KI-Modus an, den kann man aber einfach und dauerhaft ausschalten. Wer die „!Bang“-Syntax nutzt und zum Beispiel „!Wikipedia“ mit dem Suchbegriff eingibt, erhält Antworten nur aus Wikipedia.

Qwant

Qwant ist eine französische Suchmaschine, die in Europa gehostet wird. Die deutschsprachige Version gibt es seit 2014. Schon im selben Jahr konnte sie bei einem FAZ-Vergleich der Suchergebnisse mit Google und DuckDuckGo mithalten. Um unabhängiger von Google und Bing zu werden, hat Qwant gemeinsam mit Ecosia einen eigenen Suchindex gegründet – Staan. Auch in Sachen Datenschutz steht Qwant gut da. Das Unternehmen gibt an, keine persönlichen Daten zu sammeln, Cookies nur für die jeweilige Sitzung zu setzen und Informationen zum Nutzerverhalten nicht dauerhaft zu speichern. Daher gibt es mit Qwant auch keine personalisierten Suchergebnisse, sondern die sind für alle Nutzenden gleich.

Bei den Suchen sendet Qwant an Microsoft Bing Ads beschränkte Nutzenden-Informationen, wie zum Beispiel die ersten drei Byte der IP, den User-Agent des Browsers und den Zeitpunkt. Um die Nutzenden zu zählen, speichert Qwant ein Cookie mit einer zufälligen Besucher-ID für 13 Monate.

Escosia

Ecosia stammt aus Deutschland und nutzt Ergebnisse von Google und Bing, ist also eine Proxy-Suchmaschine. Ecosia finanziert sich über Werbeeinnahmen und Überschüsse fließen in die Finanzierung von Umweltprojekten. Die Anzeigen, die man bei Ecosia sieht, stammen von Microsoft. Sie passen zum Suchverhalten, aber das Klickverhalten wird nicht mit einem Nutzendenprofil verknüpft.

Ecosia betreibt kein dauerhaftes Nutzerprofiling wie Google. Für die Suche verarbeitet Ecosia Suchbegriffe, IP-Adresse und einige technische Angaben. Die IP-Adresse wird bei Ecosia spätestens nach sieben Tagen anonymisiert. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Ecosia und seinen Such- und Werbepartnern wie Bing und Google. Daher wurde Ecosia von Stiftung Warentest in der Kategorie Datensendeverhalten als kritisch bewertet.

Smartphone mit DuckDuckGo-Browser

Freie Software: Browsen ohne Beobachter – So geht Surfen mit Privatsphäre

Wir verbringen jeden Tag Stunden im Internet, doch die meisten von uns hinterfragen nie, wie wir auf das Web zugreifen. Der Browser – dieses unscheinbare Tool zwischen uns und der weiten Webwelt – spielt eine viel größere Rolle, als manche von uns denken mögen. Denn: Jede Suche, jeder Klick und jede Anmeldung verrät etwas über uns. Haben wir noch die Kontrolle über diese teils sehr persönlichen Daten? Wir haben mit Andrew McAllister von Wikimedia Deutschland über Datenschutz, die Macht von Google und die Bedeutung der Wahl des richtigen Browsers gesprochen.

So stellen Sie eine andere Suchmaschine ein

Das Tolle ist: Der Wechsel von Google zu einer anderen Standardsuchmaschine ist nur wenige Klicks entfernt. Dafür müssen Sie lediglich die Einstellungen Ihres Browsers öffnen und zu den Systemeinstellungen wechseln. Je nach Browser findet sich dort eine Option wie „Suchmaschine“ oder „Suche“. Nach zwei bis drei Klicks lässt sich die bevorzugte Suchmaschine festlegen. Dem neugierigen Surfen sind damit keine Grenzen gesetzt.

Auf dem diesjährigen gamescom-Kongress in Köln sprach Alan Ang, Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland, über Videospiele als Kulturerbe – und darüber, wie wichtig es ist, das komplexe Wissen rund um diese Spiele zu bewahren. In seinem Vortrag hob er hervor, wie Wikimedia-Software wie Wikibase dabei helfen kann, Informationen über Spiele, ihre Entwickler, Plattformen, Communitys und vieles mehr zu verknüpfen und zu bewahren. Das Gaming ist ein besonders anschauliches Beispiel für einen viel umfassenderen Gedanken: Wissen ist wertvoller, wenn Menschen frei darauf zugreifen, dazu beitragen und darauf aufbauen können.

Hier kommt auch die Wikimedia-Software MediaWiki ins Spiel. Die Open-Source-Technologie hinter Wikipedia bildet die Grundlage für tausende gemeinschaftlicher Wissensprojekte – darunter ein wachsendes Ökosystem von Videospiel-Wikis. Dank ihres freien und offenen Charakters können Communitys ihre eigenen Wissensplattformen aufbauen, die Software an ihre Bedürfnisse anpassen und die Kontrolle über die von ihnen erstellten Informationen behalten.

Portrait Jonathan Lee
Jonathan Lee, Mitbegründer und Geschäftsführer von Weird Gloop

Eine Organisation, die dies schon lange in die Praxis umsetzt, ist Weird Gloop, ein Wiki-Host, der von Mitgliedern der RuneScape-Wiki-Community gegründet wurde. Heute unterstützt Weird Gloop unabhängige und offizielle Wikis für einige der weltweit größten Spiele. Wir sprachen mit Mitbegründer und Geschäftsführer Jonathan Lee darüber, warum Gaming-Communitys auf Wikis setzen, was MediaWiki zu einem so leistungsstarken Werkzeug macht und wie es zu dem Namen Weird Gloop (deutsch: Seltsame Pampe) kam.

Hallo Jonathan, was machst du bei Weird Gloop?

Ich bin Mitbegründer und Leiter von Weird Gloop. Seit etwa 17 Jahren faszinieren mich Wikis, insbesondere Videospiel-Wikis. Heute liegt mein Schwerpunkt darauf, Videospiel-Wiki-Communitys dabei zu unterstützen, ihre Wikis so nützlich und so gut wie möglich zu gestalten.

Für alle, die sich mit Gaming-Wikis vielleicht noch nicht so gut auskennen: Warum sind sie wichtig?

Videospiele enthalten oft Informationen, die im Spiel selbst nicht erklärt werden. Das ist schon so, seit es Videospiele gibt. In den 1990er Jahren hat man sich vielleicht einen Strategie-Guide gekauft oder einfach einen Freund gefragt, wie man etwas im Spiel freischalten kann. Mit der Zeit wurde das Internet zum Ort, an dem Gamer*innen dieses Wissen austauschten, und Wikis entwickelten sich zu einer der besten Möglichkeiten, es zu organisieren.Nehmen wir zum Beispiel Minecraft. Ein großer Teil des Spiels dreht sich um das Herstellen von Gegenständen, doch ursprünglich erklärte das Spiel nicht jedes Rezept oder jede Spielmechanik besonders gut. Die Gamer*innen fanden diese Dinge selbst heraus, entdeckten, wie das Spiel funktionierte, und schrieben dieses Wissen auf, damit andere davon profitieren konnten.

Für Spiele wie Minecraft oder RuneScape sind Wikis zu einem wesentlichen Bestandteil des Spielerlebnisses geworden. Sie enthalten alles von grundlegenden Informationen über Datenobjekte und Charaktere bis hin zu detaillierten Strategien für ein effizientes Spiel. In manchen Fällen ist das Wiki für die Gamer*innen fast genauso wichtig wie das Spiel selbst.

Wie groß ist das Ökosystem der von Communitys betriebenen Videospiel-Wikis heute?

Es ist extrem groß und überraschend komplex, obwohl die verschiedenen Communitys nur lose miteinander verbunden sind. Insgesamt verzeichnen Videospiel-Wikis jeden Monat Milliarden von Seitenaufrufen – was in etwa dem Umfang der englischen Wikipedia entspricht.

Die dort gepflegten Informationen reichen von grundlegenden Spieldaten, wie beispielsweise allen Datenobjekten in einem Spiel und wie man sie erhält, bis hin zu detaillierten Strategien und Erklärungen der Spielmechaniken. MediaWiki eignet sich hierfür besonders gut, da es flexibel genug ist, all diese unterschiedlichen Arten von Wissen zu integrieren.

Wenn Videospiel-Wikis plötzlich verschwinden würden, gäbe es meiner Meinung nach einen erheblichen Rückgang der Zahl der Spieler*innen – sie haben sich sehr daran gewöhnt, dass diese Informationen in einer übersichtlichen, von der Community gepflegten Form zur Verfügung stehen.

Was ist „Weird Gloop“ und wie ist es entstanden?

Weird Gloop begann mit dem RuneScape-Wiki. Ich war seit 2009 an dem Wiki beteiligt, als es noch auf Wikia (heute: Fandom) gehostet wurde, und 2018 hatten wir die Möglichkeit, es mit etwas Unterstützung des Spieleentwicklers auf ein unabhängiges Hosting umzuziehen.

Wir wollten eine Lösung ohne Werbung und vor allem mit voller Kontrolle über die Technik und das Wiki selbst. Mit der Zeit wurde uns klar, dass wir das Gelernte auch nutzen konnten, um anderen großartigen Wiki-Communitys zu helfen, unabhängig zu werden.Heute ist Weird Gloop ein Wiki-Host für unabhängige und offizielle Videospiel-Wikis. Ich stelle uns als eine Art Reiseadapter zwischen den Wiki-Communitys und all den weniger spannenden Aspekten des Betriebs eines unabhängigen Wikis vor – der Zusammenarbeit mit Spielestudios, der technischen Infrastruktur und all den unternehmerischen Belangen –, damit sich die Communitys auf das konzentrieren können, was sie wirklich gut können: die Spiele zu dokumentieren, die sie lieben.

RuneScape Wiki

Und was bedeutet eigentlich der Name „Weird Gloop“?

Der Name stammt aus dem RuneScape-Wiki selbst. RuneScape hat Zehntausende von Datenobjekten, und wir waren geradezu besessen davon, jeden einzelnen davon zu dokumentieren. Als ich etwa 15 war, fand ich heraus, wie man einen obskuren Gegenstand namens „Weird Gloop“ erhält, der seit Jahren im Spiel versteckt war. Ich fand es unglaublich cool, dass etwas, das Millionen von Menschen gespielt hatten, immer noch Dinge enthalten konnte, die noch niemand entdeckt hatte. „Weird Gloop“ wurde zu einem Insider-Witz in unserer Community, und als wir einen Namen für das Unternehmen brauchten, war es die naheliegende Wahl. Es fühlte sich wie der perfekte Name für eine Organisation an, die sich um Menschen dreht, denen die ganz kleinen Details am Herzen liegen.

Warum wollten Communitys wie das Minecraft-Wiki große Wiki-Hosting-Plattformen verlassen und unabhängig werden?

Ein offensichtlicher Grund ist die Werbung. Wenn das Ziel einer Plattform darin besteht, die Erträge aus Werbung zu maximieren, trifft sie möglicherweise Entscheidungen, die zwar gut für die Plattform, aber schlecht für die Wiki-Community oder ihre Leser*innen sind. Zu viele Anzeigen können dazu führen, dass Leser*innen das gesamte Erlebnis als unangenehm empfinden – und das kann auch dazu führen, dass sie weniger bereit sind, selbst Beiträge zu verfassen.

Das ist wichtig, denn Wikis funktionieren gerade deshalb, weil Leser*innen zu Beitragenden werden können. Jemand findet Informationen, liest sie, bemerkt, dass etwas fehlt oder falsch ist, und ergänzt sie. Wenn man das Leseerlebnis frustrierend gestaltet, erschwert man auch den Aufbau dieser Community.

Im Laufe der Zeit kamen Communitys wie die rund um Minecraft oder League of Legends zu demselben Schluss: Sie wollten mehr Kontrolle über ihre Wikis, doch der Ausstieg aus einer etablierten Plattform ist schwierig. Hier kommt Weird Gloop ins Spiel.

Minecraft Wiki

Wie viele Wikis hostet Weird Gloop derzeit, und wie arbeitet ihr mit deren Communitys zusammen?

Derzeit hosten wir 17 Wikis, hauptsächlich für sehr große Spiele wie RuneScape, Minecraft, Subnautica oder Overwatch. Wir stellen die technische Infrastruktur bereit und kümmern uns um Dinge wie die Migration von Wikis von bestehenden Plattformen, die Wartung der Server und die Behebung technischer Probleme. Dabei ergeben sich erhebliche Skalierungseffekte: Sobald man die Tools und die Infrastruktur für das Hosting eines großen Wikis aufgebaut hat, wird das Hosting des nächsten wesentlich einfacher.

Unsere Beziehung zu den Communitys ist sehr kooperativ. Wir haben zwar vielleicht Vorstellungen davon, wie ein Wiki gut funktionieren sollte, aber wir schreiben den Communitys nicht vor, was sie zu tun haben. Das Spiel und seine Inhalte gehören ihnen. Wir stellen die Infrastruktur und den Support bereit und halten uns ansonsten im Hintergrund.

Was macht MediaWiki zu einer so guten Wahl für Videospiel-Communitys?

Das Wichtigste ist, wie einfach es für jemanden ist, einen kleinen Beitrag zu leisten. Die meisten Menschen, die schließlich zu aktiven Beitragenden an einem Wiki werden, hatten zu Beginn nicht vor, jahrelang an einem Wiki zu arbeiten. Sie haben einen Tippfehler entdeckt, auf „Bearbeiten“ geklickt, ihn korrigiert und festgestellt: „Das hat irgendwie Spaß gemacht.“ Dann haben sie es erneut gemacht.

MediaWiki ist besonders gut darin, die Hürden für solche ersten Beiträge abzubauen. Es bietet einen einfachen Weg vom Lesenden zur Autor*in, und genau das ist es letztendlich, was Wikis funktionieren lässt.

Außerdem ist es eine sehr flexible Art, Informationen zu organisieren. Für mich ist jedoch nicht nur entscheidend, wie MediaWiki den Lesenden Informationen präsentiert, sondern vor allem, wie gut es den Menschen ermöglicht, zu diesen Informationen beizutragen.

Wie wichtig ist die Tatsache, dass MediaWiki kostenlos und Open Source ist?

Die Tatsache, dass es kostenlos ist, ist unglaublich wichtig. Viele Menschen, die Videospiel-Wikis ins Leben rufen, sind keine Profis. Es handelt sich vielleicht um Teenager, die einfach ein bestimmtes Spiel lieben und darüber berichten möchten. Müssten sie eine Softwarelizenz kaufen oder ihre eigene Plattform aufbauen, gäbe es viele dieser Wikis gar nicht erst.

Open Source ist ebenso wichtig, weil es MediaWiki anpassungsfähig macht. Videospiel-Wikis enthalten eine riesige Menge an strukturierten Informationen, und die Basissoftware ist nicht unbedingt darauf ausgelegt, jeden möglichen Anwendungsfall abzudecken. Aber da es sich um Open Source handelt, können Nutzer*innen Erweiterungen entwickeln und die Software anpassen, um diese Probleme zu lösen.

Wir haben selbst eine Erweiterung für strukturierte Daten entwickelt, weil wir sie für die von uns gehosteten Wikis benötigten. Diese Art von Experimenten wäre in einem geschlossenen System schlichtweg nicht möglich.

Was braucht es, um ein Wiki aufzubauen und zu pflegen, das so groß und komplex ist wie die Wikis zu Minecraft, League of Legends oder RuneScape?

Letztendlich kommt es darauf an, eine wirklich gute Community aufzubauen. Oft wird gefragt, was ein riesiges Wiki davor bewahrt, mutwillig beschädigt oder zerstört zu werden, wobei viele eine technische Antwort erwarten. Natürlich gibt es technische Hilfsmittel, aber die eigentliche Antwort lautet: Es gibt viele Menschen, denen das Projekt am Herzen liegt und die sich dafür einsetzen, dass es gut läuft.

Man muss gemeinsame Regeln und kulturelle Normen entwickeln, festlegen, wie Streitigkeiten beigelegt werden, entscheiden, wie Richtlinien erstellt und geändert werden, und sicherstellen, dass die Menschen an den richtigen Prioritäten arbeiten. All das ist genauso wichtig wie die Technologie. Die Menschen sind es, die das Wiki zum Laufen bringen. Die Technologie unterstützt sie dabei.

Es gibt auffällige Parallelen zwischen Gaming-Wiki-Communitys und der Wikimedia-Bewegung. Was könnten diese Communitys voneinander lernen?

Es ist unglaublich wichtig zu verstehen, was Menschen dazu bewegt, zusammenzuarbeiten, einen Beitrag zu leisten und gemeinsam etwas aufzubauen. Wikimedia arbeitet in einem viel größeren Rahmen als wir, aber wir alle beschäftigen uns mit derselben grundlegenden Frage: Was motiviert Menschen dazu, ihre Zeit und ihr Wissen einzubringen?

Videospiel-Wikis bieten uns die Möglichkeit, schnell zu experimentieren. Wir können verschiedene Ansätze in unterschiedlichen Communitys ausprobieren und sehen, was funktioniert. Ich denke, die Gaming-Wiki-Community und die breitere Wikimedia-Bewegung könnten viel voneinander lernen, wenn es darum geht, wie kollaborative Wissensprojekte tatsächlich funktionieren.

Und schließlich: Wenn jemand Videospiele spielt und auf einer Wiki-Seite einen Fehler entdeckt, wie kann er dann einen Beitrag leisten?

Mein Rat ist einfach: Leg los! Je nach Wiki benötigst du möglicherweise ein Konto, aber du kannst nichts dauerhaft kaputtmachen. Jede Überarbeitung einer Seite wird gespeichert, wenn du also einen Fehler machst, kann jemand anderes ihn rückgängig machen.

Ich glaube, die Angst, etwas zu vermasseln, ist einer der Hauptgründe, warum sich viele Menschen nicht trauen, beizutragen. Die meisten, die anfangen, Wikis zu bearbeiten, machen anfangs Fehler. Das ist völlig in Ordnung. Du trägst trotzdem dazu bei, das gesamte Projekt ein kleines Stückchen in eine bessere Richtung zu bewegen – und genau so wachsen Wikis.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Gruppenfoto

Im polnischen Zabrze fand 2025 ein Edit-a-thon im Guido-Bergwerk statt – 320 Meter unter Tage. In den Räumen einer ehemaligen Kohlemine schrieben und verbesserten 84 Wikipedianer*innen gemeinsam Artikel über das Erbe Schlesiens. Und das gleich in vier Sprachen: Polnisch, Schlesisch, Tschechisch und Deutsch. Das Guido-Bergwerk sei ein Juwel des industriellen Erbes der Region, heißt es von den Organisator*innen von Wikimedia Polska. Ziel des Edit-a-thons war, das Wissen über das Erbe der Woiwodschaft Schlesien in Wikipedia zu erweitern: „Wikipedianerinnen und Wikipedianer dokumentieren das, was sonst oft übersehen wird – lokale Persönlichkeiten, alte Traditionen, verschwindende Ortsnamen. Dank ihnen wird das Wissen über die Region Teil des globalen Informationsflusses.“

Weit nach oben ging es für Wikipedia 2017, als der italienische ESA-Astronaut Paolo Nespoli, während er an Bord der Internationalen Raumstation die Erde umkreiste, eine Sprachnachricht für die Wikipedia aufnahm – der erste Beitrag für die Wikipedia aus dem Weltraum! Gar nicht so einfach bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 27.724 km/h! Ihm gelang es, gemeinsam mit seinen ESA-Kollegen die Aufnahme zu planen und die Dateien zur Erde zu übertragen (eine auf Englisch, die andere in seiner Muttersprache Italienisch). Zurück auf der Erde hat er sie auf Wikimedia Commons hochgeladen, wo sie unter einer offenen Lizenz frei verfügbar sind.

Die erste Bearbeitung der Wikipedia aus dem Weltraum erfolgte 2019 von der ASA-Astronautin Christina Koch von der Internationalen Raumstation ISS aus. Der Edit entstand während einer 328 Tage langen Mission. Dies war der bis dato längste ununterbrochene Weltraumflug einer Frau. Der Edit beinhaltete eine Beschreibung ihres eigenen Weltraumspaziergangs.

Foto: FairlyLiv, Laptop East Ross sea Feb 6 2024, CC BY-SA 4.0

2024 organisierte der italienische Wikipedianer Francisco Ardini den ersten Wikipedia-Edit-a-thon aus der Antarktis. Auf dem Forschungseisbrecher RV Laura Bassi arbeiteten sechs Forschende an Artikeln über die Antarktis und den Klimawandel. Das Internet an Bord war allerdings begrenzt. Deshalb wurde teilweise offline gearbeitet und später veröffentlicht. Das Ergebnis: Mehr als 150 neue oder verbesserte Artikel in der italienischen Wikipedia.

Wikipedia-Arbeit kann auch mitten im öffentlichen Leben stattfinden – und genau dort Wissen über lokale Geschichte und Kultur sichtbar machen, Neugierige anziehen und über die Mitarbeit in der Wikipedia aufklären! So fand 2023 ein Edit-a-thon auf dem Platz vor dem Tien-Long-Tempel im Bezirk Xuejia in Tainan statt – und ist auf Wikimedia Commons mit zahlreichen Fotos dokumentiert.

5. Mitten in der Sahara

Auch die Wüste ist Teil der Wikimedia-Welt. So organisierten Ehrenamtliche aus der algerischen Wiki-Community bereits Wikipedia-Workshops in einem Flüchtlingscamp in der Povinz Tindouf.
Außerdem gibt es auf Wikimedia Commons zahlreiche Fotos aus der Sahara, die von Reisenden und Fotograf*innen hochgeladen wurden. Darunter etwa ein Foto eines Tuareg auf einer Düne in Algerien. Denn auch Bilder, die auf Reisen entstehen, können später Wikipedia-Artikel illustrieren.
Fotos und Reisetipps lassen sich übrigens auch prima in Wikivoyage, dem offenen Reiseführer, einbinden.

Gebäude

Manche Orte sind weniger idyllisch. 2007 sorgte der sogenannte Wikipedia Scanner für Schlagzeilen: Das Tool konnte anonyme Wikipedia-Edits anhand ihrer IP-Adressen bestimmten Organisationen zuordnen. Dabei wurden auch Bearbeitungen gefunden, die von Computern aus CIA- und FBI-Netzwerken stammten. Die Entdeckung löste eine breite Debatte über Interessenkonflikte beim Bearbeiten von Wikipedia aus.

Es geht auch anders: Beim Projekt „Wiki Loves Parliaments“ machen Ehrenamtliche Informationen und Bilder zu politischen Akteur*innen frei zugänglich. Seit 2009 besuchen sie deutsche und österreichische Landtage, den Bundestag und sogar das Europäische Parlament in Straßburg, um Fotos von Abgeordneten für Wikimedia Commons zu erstellen und Wikipedia-Artikel zu verbessern. Insgesamt sind so schon 25.022 Fotos entstanden, von denen 6.170 insgesamt 29.701 Mal in den Wikimedia-Projekten genutzt wurden.

Freskenzyklen, Dachterasse, Bibliotheka Hertziana! Wer bekommt keine Lust, in einer solchen Umgebung Wikipedia-Artikel über Kunst und Kultur zu schreiben? Im April diesen Jahres trafen sich zwölf Wikipedianer*innen in der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo mit Kunsthistoriker*innen, um an Themen rund um Kunstgeschichte in Wikipedia, Wikidata und Wikimedia Commons zu arbeiten.
Übrigens müssen Wikipedianer*innen nicht bis nach Rom reisen, um Museumsluft zu schnuppern: Mit den Formaten GLAM on Tour, GLAM digital und der wikipedianischen KulTour arbeiten Museumsmitarbeitende auch auf lokaler Ebene seit vielen Jahren erfolgreich mit Wikipedianer*innen zusammen, unter anderem im Museum Barberini in Potsdam.

9. Auf dem roten Teppich

Wikipedianer*innen lieben Filme! Und deswegen verpassen sie keine Gelegenheit, Wikipedia-Artikel zu den neuesten Filmen und Filmemacher*innen zu schreiben. Seit einigen Jahren organisiert die Community zur Berlinale ein Foto-Projekt und einen Edit-a-thon in Berlin. So sind schon tausende Fotos von Stars und Sternchen vom roten Teppich entstanden und jährlich um die 60 neue Artikel zu dort gezeigten Filmen. Kein Wunder, dass Wikipedia-Artikel zu Filmen und Schauspieler*innen immer zu den meist aufgerufenen gehören.

Der vielleicht ungewöhnlichste unter den hier aufgelisteten Orten: ein historisches Toilettenhäuschen in Bochum. Dieses dient der Wikipedia-Community aus dem Ruhrgebiet seit diesem Jahr als Treffpunkt zum gemeinsamen Editieren. Es befindet sich am Stadtpark im denkmalgeschützten Haus des Bochumer Geschichtsvereins. Das unter Denkmalschutz stehende Häuschen wurde 1997 renoviert. Sehr praktisch für die Wikipedianer*innen: Im Haus befindet sich auch die Bibliothek des Heimatvereins mit über 1.500 Bänden.

Der wichtigste Ort zum Editieren der Wikipedia ist überall

Was all diese Beispiele verbindet? Menschen schreiben, verbessern oder dokumentieren Artikel dort, wo sie gerade sind. Und manchmal entsteht das Wissen sogar aus dem Ort heraus: Wer etwas selbst gesehen, erforscht oder erlebt hat, kann es dokumentieren und mit anderen teilen. Der nächste ungewöhnliche Wikipedia-Arbeitsplatz könnte also überall sein. Vielleicht sogar bei dir.

Ein gezeichneter Laptop. Auf dem Bildschirm ist der Buchstabe W zu sehen, darunter ein Startknopf.
Webinar

Wikipedia? Kannst du auch!

Wikipedia kennenlernen und erste Schritte selbst ausprobieren: Diese kompakte Online-Einführung vermittelt verständlich die Grundlagen.

Welchen Beitrag die „Wiki Loves“-Wettbewerbe für das Freie Wissen leisten

Jahr für Jahr beteiligen sich Menschen auf der ganzen Welt an den „Wiki Loves“-Fotowettbewerben. Ob beeindruckende Architektur, schützenswerte Naturräume oder gelebte Traditionen – die eingereichten Aufnahmen dokumentieren die Vielfalt unseres kulturellen und Naturerbes. Das Engagement der Teilnehmenden leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung und Vermittlung von Wissen.

Die einzelnen Wettbewerbe setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte:

Alle Fotos werden unter einer freien Lizenz auf Wikimedia Commons veröffentlicht und finden ihren Weg in zahlreiche Wikipedia-Artikel und weitere Wikimedia-Projekte.

Wiki Loves Monuments

Wiki Loves Monuments (WLM) ist der größte und älteste Fotowettbewerb der Wiki-Community. Im Mittelpunkt stehen Fotos von Kultur- und Baudenkmälern – von Schlössern über Kirchen bis hin zu Brücken und Monumenten. Allein im vergangenen Jahr haben sich 57 Länder mit über 230.000 Fotos unter freier Lizenz an dem Wettbewerb beteiligt.

Die aktuelle Ausgabe ist am 1. September 2026 gestartet. Neben dem regulären Wettbewerb wird in diesem Jahr der Sonderpreis „Gastronomie und Essen“ für die drei besten Fotos von Kulturdenkmalen, die Gastronomiegebäude zeigen, verliehen. Außerdem gibt es einen weiteren Sonderpreis für Scans alter Aufnahmen.

Alle Details zum Mitmachen und den Wettbewerbsregeln gibt es hier.

Wiki Loves Earth

Wiki Loves Earth (WLE) ist ein weltweit ausgerichteter Fotowettbewerb, der den Fokus auf den Erhalt und die visuelle Erfassung des Natur- und Landschaftserbes legt. Ziel des Wettbewerbs ist es, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Schutzgebieten und Naturdenkmälern zu stärken und gleichzeitig die frei zugängliche, umfassende Bildsammlung auf Wikimedia Commons zu erweitern.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Für den deutschen Wiki Loves Earth Wettbewerb wurden in diesem Jahr über 10.000 Fotos hochgeladen, aufgeteilt in die zwei Wettbewerbskategorien „Landschaftsaufnahmen“ und „Detailaufnahmen“. Zusätzlich wird jährlich einen Sonderpreis vergeben. Im Jahr 2026 wurde dieser an drei Fotos zum Thema Stadtnatur verliehen.

Die Top 3 Detailaufnahmen

Die Top 3 Landschaftsaufnahmen

Sonderpreis Stadtnatur

Natur findet sich nicht nur in der freien Landschaft, auch in dicht besiedelten Städten leben unzählige Pflanzen und Tiere. Genau diese Interaktion zwischen Mensch und Natur soll der Sonderpreis 2026 dokumentieren.

Aus diesem Grund galt die Beschränkung auf Motive in Schutzgebieten für die teilnehmenden Fotos ausnahmsweise nicht.

Wiki Loves Folklore

Bei Wiki Loves Folklore (WLF) handelt es sich um den jüngsten der drei großen Fotowettbewerbe. Seit 2018 findet er jährlich vom 1. Februar bis 31. März statt und fast 10.000 Ehrenamtliche aus knapp 200 Ländern haben im Laufe der Jahre teilgenommen und rund 208.000 Bilder und Videos beigesteuert. Im Fokus stehen hier lebende und gelebte Traditionen der Teilnehmerländer, also Feste, Tänze, Bräuche, Küche, Trachten, Märchen und vieles mehr.

Die internationalen Gewinnerbilder

In diesem Jahr geben die internationalen Gewinnerbilder besondere Einblicke in die Kultur Asiens.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Aus Deutschland wurden in diesem Jahr insgesamt rund 3800 Fotos beigesteuert. Hier sind die drei Gewinnerbilder von Wiki Loves Folklore Deutschland.

Die Gewinnerbilder von von Wiki Loves Monuments Deutschland werden im Oktober veröffentlicht.

Die internationalen Gewinnerbilder werden im Dezember (Wiki Loves Earth) und im April des Folgejahres (Wiki Loves Monuments) veröffentlicht.

Das Picture of the Year 2025

Mit dem Wettbewerb „Picture of the Year“ werden seit inzwischen zwanzig Jahren außergewöhnliche Fotografien auf Wikimedia Commons ausgezeichnet. Die jährliche Auswahl würdigt Bilder, die durch ihre Qualität, Aussagekraft und ihren besonderen Beitrag zu den Wikimedia-Projekten hervorstechen.

Der Wettbewerb findet in zwei Abstimmungsrunden statt: In der ersten Runde können Teilnehmende beliebig viele Bilder auswählen. In der anschließenden Finalrunde ist die Abstimmung auf bis zu fünf Favoriten begrenzt, wobei jede Stimme gleich gewichtet wird.

Stimmberechtigt sind registrierte Wikimedia Commons-Beitragende, die vor dem 1. Januar 2026 angemeldet waren und mindestens 75 Bearbeitungen in Wikimedia-Projekten vorweisen können.

Eine Welt voller Innovation

Games sind längst mehr als Unterhaltung: Sie prägen Kulturen, führen so Communitys und beeinflussen zunehmend, wie wir lernen, arbeiten und miteinander interagieren. Trotzdem ist das Wissen über viele Spiele erstaunlich vergänglich. Server werden abgeschaltet, Unternehmen verschwinden und ganze Spielekataloge können aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwinden.

Wie können wir Games als Teil unseres kulturellen Erbes bewahren – und was können wir aus ihrer wachsenden Bedeutung für unsere Gesellschaft lernen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Alan Ang, Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland, in seinem Vortrag „Playable Pasts, Gamified Futures: Preserving Games and Understanding Their Impact on Society“ in diesem Jahr erstmals beim gamescom congress in Köln.

Der gamescom congress ist ein Side Event der gamescom, dem größten Games-Event der Welt. Der congress bringt ein interdisziplinäres Fachpublikum aus der Games-Branche, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Technologien und Prinzipien aus der Games-Welt Innovationen in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen voranbringen können.

Games als kulturelles Erbe

In seinem Vortrag verbindet Alan Ang zwei Perspektiven: Wie können wir Games als Teil unseres kulturellen Erbes bewahren – und wie können wir besser verstehen, welchen Einfluss sie auf unsere Gesellschaft haben?

Um Spiele langfristig zu bewahren, reicht es nicht, einzelne Titel zu archivieren. Auch Entwickler*innen, Publisher, Plattformen, Technologien und die Beziehungen zwischen ihnen erzählen etwas über die Geschichte der Games. Offene Wissensstrukturen wie Wikidata und Wikibase können dabei helfen, dieses komplexe Ökosystem zu dokumentieren, miteinander zu verknüpfen und langfristig zugänglich zu machen.

Denn Freies Wissen bedeutet nicht nur, Informationen zugänglich zu machen, sondern auch, Wissen dauerhaft zu erhalten und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Gerade bei Games ist das relevant, weil ihre Geschichte aus sehr vielen miteinander verbundenen Bestandteilen besteht – von einzelnen Titeln und ihren Entwickler*innen über Technologien und Plattformen bis hin zu den Communitys, die sie über Jahre hinweg geprägt haben und mit weiterentwickeln.

Games sind nicht nur Unterhaltung – sie sind ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Wenn wir sie bewahren wollen, müssen wir auch die Zusammenhänge und das Wissen rund um sie dokumentieren.
Alan Ang Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland

Was Games mit unserer Gesellschaft machen

Games prägen längst nicht mehr nur unsere Freizeit. Spielprinzipien wie Feedback, Belohnung und spielerische Beteiligung finden zunehmend in Bildung, Arbeit und digitalen Services Anwendung. Alan Ang wirft einen Blick auf die Chancen und Risiken dieser Entwicklung – und darauf, welche Rolle offene Wissensdatenbanken dabei spielen können.

Wir freuen uns sehr, am 27. August erstmals beim gamescom congress dabei zu sein und mit diesem für uns wichtigen Thema den Blick darauf zu richten, wie wir Games bewahren und zugleich besser verstehen können.

Wikitainment: Wissen, das Spaß macht

Wikipedia steckt voller Wissen, das richtig Spaß machen kann! Aus freiem Wissen und offenen Daten entstehen immer wieder spannende Spiele und Tools. In unserer Reihe „Wikitainment” stellen wir solche Spiele vor.

Spielekonsole

Wiki-Spiele: Von Chuck Norris zur Philosophie in wie vielen Klicks?

Redactle

Ratespaß mit Redactle: Welcher Wikipedia-Artikel ist das?

Foto-Collage

GLAMorous Europe: Das Tinder für Kunst-Fans

Wikiasteroids

WikiAsteroids: Wikipedia wird zum Arcade-Abenteuer

Unter dem Motto „Liberté, Équité, Fiabilité“ (Freiheit, Gleichheit, Verlässlichkeit) kamen 1.250 Menschen aus der Wikimedia Bewegung in der französischen Hauptstadt zusammen. Weitere 2.000 Teilnehmende waren online dabei. Fünf Tage lang ging es um die Frage: Wie können wir gemeinsam den freien Zugang zu Wissen stärken – und dabei soviel Spaß wie möglich haben?

Ist KI unsere Konkurrenz?

Wenn es nach Audrey Tang, der ehemaligen taiwanesischen Digitalministerin und Entwicklerin für freie Software geht, lautet die Antwort ganz klar: Nein! „Don’t let it be a race. Wikipedia never tried to win.“ Es geht nicht ums Gewinnen, sondern um Teilhabe an verlässlichem Wissen für alle.

Unterdessen plädierte Jan-David Franke von Wikimedia Deutschland in seinem Lightning-Talk dafür, Wikipedia als „öffentlichen digitalen Luxus“ zu sehen. Seine Argumentation inspiriert dazu, die Wikimedia-Projekte als Gegenentwurf zu den digitalen Produkten und KI-Anwendungen der großen Tech-Konzerne zu begreifen. Ein Gegenentwurf, der den Weg zu einem menschenfreundlichen und offenen Internet für alle aufzeigt.

Zur Aufzeichnung des Lightning-Talks:

Lane Becker von Wikimedia Enterprise wies darauf hin, dass die Wikipedia in Zeiten von vermehrter KI-Nutzung viele Alleinstellungsmerkmale hat: Sie steht für Genauigkeit, Nachvollziehbarkeit und Differenziertheit sowie für all das Menschliche, was eine Maschine, die in erster Linie aus Textmengen Mittelwerte errechnet, nicht kann.

KI als Hürde für den Wissenszugang

Generative KI ist nicht nur unfähig, Wissen zu erzeugen. Sie hat auch das Potenzial, das globale Gefälle beim Zugang zu Wissen zu verstärken. Das zeigten auf der Wikimania die Sozialwissenschaftlerin Anwesha Chakraborty und die Neurowissenschaftlerin und Wikipedianerin Netha Hussain. Beide haben Wikipedia-Aktive zu ihren Erfahrungen mit generativer KI befragt. Die Sprachen der Befragten: Bangla, Englisch, Malayalam, Italienisch, Schwedisch und Telugu.

Alle Befragten berichteten von den bekannten Problemen: Chatbots präsentierten ihnen Unwahrheiten als Fakten sowie erfundene Quellen. Vor allem diejenigen, die sogenannte kleinere Sprachen sprechen, waren zudem mit weiteren Auffälligkeiten konfrontiert. Dazu gehörten Antworten mit einem Satzbau, der „lächerlich“ falsch war. Regelmäßig scheiterten die KI-Anwendungen an den kulturellen Charakteristika der Sprache. Einige berichteten sogar, dass die Künstliche Intelligenz Wörter erfand, die es in ihrer Sprachen gar nicht gibt.

Der Grund: Die Trainingsdatenbasis ist vergleichsweise klein und KI-Unternehmen investieren vor allem in generative Modelle in Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Das absurde daran: Telugu wird von über 80 Millionen und Malayalam von rund 35 Millionen Menschen gesprochen.

Der Wiki-Bus bei Sonnenschein.
Der Wikipedia-Bus fand auch bei der Wikimania großen Anklang. Viele Wikipedianer*innen, von Südafrika über Chile bis Luxemburg, wünschten sich den Bus als Ankerpunkt für den Austausch mit Wikipedia-Nutzenden in ihrem Land.

Wollen wir KI nutzen?

Wenngleich generative KI kein Wissen erzeugen kann, stand bei der Wikimania immer wieder die Frage im Raum: Können wir uns KI-gestützte Werkzeuge zunutze machen? Die Antwort darauf muss natürlich jede Wikipedia-Community für sich selbst finden. Wenn es um das Schreiben von enzyklopädischen Artikeln geht, sind generative KI-Anwendungen nicht geeignet. Werkzeuge, in denen unterschiedliche Formen von KI zum Einsatz kommen, könnten Ehrenamtliche jedoch künftig bei anderen Aufgaben unterstützen – etwa beim Aufspüren von Vandalismus, Formfehlern oder veralteten Inhalten sowie bei Übersetzungen und beim Erkennen von Texten, die mit generativer KI erstellt wurden.

Wichtig dabei: KI-Anwendungen könnten Assistenten sein, aber Autor*in bleibt der Mensch. Denn nur Menschen können Hinweise von KI überprüfen, kritisch hinterfragen und im Zweifel über Inhalte diskutieren und Entscheidungen gemäß der Wikipedia-Prinzipien treffen.

Neue Ideen für neue Werkzeuge

Die Wikimania Team Challenge brachte über 200 Wikimania-Teilnehmende aus verschiedenen Wikimedia-Projekten zusammen. Das Ziel: In 17 Teams entwickeln sie Ideen für Werkzeuge, mit denen verschiedene Herausforderungen in Wikipedia, Wikimedia Commons oder Wikidata angegangen werden könnten. Dabei ging es unter anderem um das Aufspüren von veralteten Inhalten oder das Aktualisieren und Reparieren von Quellenangaben. Auch zur Frage, wie Wikipedia multimedialer oder das Bearbeiten spielerischer werden kann, wurde experimentiert.

Wie bleiben Quellen verlässlich?

Diese Frage stand auf der Wikimania im Rahmen der Team-Challenge und in weiteren Workshops im Mittelpunkt. Denn das ist es, was Wikipedia so vertrauenswürdig macht: Die Inhalte sind mit Quellen belegt und werden von Menschen geprüft. Angesichts der Vielzahl von Artikeln eine Herkulesaufgabe. Deswegen entwickeln Wikipedianer*innen immer wieder Werkzeuge, die diese Arbeit erleichtern.

Eine mögliche Antwort aus der Team Challenge lautet: CiteFix. Diese Erweiterung für die Wikipedia-Software MediaWiki kann einige fehlerhafte oder kaputte Quellenangaben in Artikeln aufspüren. Wenn Nutzende CiteFix installiert haben, leitet das Toll sie direkt zum Editor weiter und macht einen Vorschlag für die Korrektur – die Wikipedianer*innen dann annehmen oder ablehnen können. Das Tool wird aktuell weiterentwickelt.

Mit Herz und Humor

Neugier und Wissensdurst, Genauigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Idealismus und Großzügigkeit – das sind Eigenschaften, die viele Menschen mitbringen, die Wissen mit der Welt teilen. Bei der Wikimania zeigt sich: Herz und Humor gehören ebenso zur Grundausstattung von Wikipedianer*innen.

Bei jeder Wikimania werden die Wikimedians of the Year ausgezeichnet. Und die Laudatios haben es oft in sich. Denn wer 10, 15, 20 oder mehr Jahre in einem Wikimedia-Projekt aktiv ist, hat in dieser Zeit oft viele Freunde gefunden, die begeisterte und emotionale Lobreden auf die Ausgezeichneten hielten.

Eine musikalische Weltpremiere

Ohne Musik wäre keine Wikipedia-Feier denkbar. Dafür sorgen seit Jahren schon das WikiOrchestra und der WikiChoir. In diesem Jahr, ganz im Sinne der französischen Gastgebenden, mit klassischer französischer Musik. Und dann gab es noch eine Weltpremiere! Zur Melodie von „Oh, Champs-Élysées“ führten Orchester und Chor erstmals das Lied „Oh, Wikipedia“ auf.

Mit dem Abspielen des Videos erklären Sie sich damit einverstanden, dass YouTube und Google Ihre Daten speichern und verarbeiten dürfen. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung von Google.

Meet Baby Globe und Moppy the Mop

Wissen ist zwar menschlich, aber die Aktiven der Wikimedia-Bewegung besitzen eine unerschöpfliche Kreativität, wenn es darum geht, nicht-menschliche Maskottchen zu erfinden. Zwei davon waren auf der Wikimania zu Gast. Baby Globe, das Maskottchen zum 25. Geburtstag der Wikipedia, war eines der beliebtesten Fotomotive bei der Konferenz.

Aber Baby Globe war nicht allein. Auch Moppy the Mop trieb sich in den Hallen der Cité des sciences et de l’industrie herum. Das Maskottchen der sogenannten „User with extended rights“ wurde bei der Wikimania 2025 in Nairobi zum Leben erweckt. Benutzer mit erweiterten Rechten sind Administrator*innen und andere Ehrenamtliche, die besondere Aufgaben in den Wikimedia-Projekten wahrnehmen. Die Werkzeuge, die solchen Benutzer*innen zum virtuellen Aufräumen und Saubermachen zur Verfügung stehen, werden oft mit dem Mop eines Hausmeisters verglichen.

Wiki-Mitglied Moppy gestikulierend vor einem Laptop.

Die Wikimania 2026 in Paris endete mit einem Ausblick in die Zukunft. 2027 wird sie Wikimania in Santiago, Chile stattfinden. Der Staffelstab wurde bereits in Paris übergeben.

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Juli

Thursday, 6 August 2026 11:19 UTC

Welche Themen die Menschen im deutschsprachigen Raum besonders beschäftigt, lesen sie in der Wikipedia nach. Im Juli 2026 wurden folgende Artikel besonders häufig aufgerufen:

Erneut gab es nicht nur reges Interesse an der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft 2026, sondern auch an den Ergebnissen bereits vergangener WMs. So kommt der Wikipedia-Artikel zu den Fußball-Weltmeisterschaften im Juli auf insgesamt 1.155.512 Aufrufe.

Mit dem Ende des Turniers wurden zudem einige Aktualisierungen vorgenommen:  Spanien wird nun als neuer Titelträger gelistet und Kylian Mbappé mit ganzen 22 Toren als neuer Rekordtorschütze.

Wie schon im Juni interessierten sich auch im Juli besonders viele Menschen für den Ausgang der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. In einem spannenden Finale zwischen Argentinien und Spanien unterlagen die argentinischen Titelverteidiger knapp mit einem 0:1 in der Verlängerung. Damit konnte die spanische Nationalelf im Anschluss ausgelassen ihren zweiten WM-Sieg feiern.

Mit 1.108.146 Aufrufen nimmt dieser Artikel erneut den zweiten Platz unter den meistgelesenen Wikipedia-Seiten des Monats ein.

Nach dem spanischen WM-Sieg und dem damit verbundenen Ende der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 stellt sich natürlich direkt die Frage nach der nächsten. Im Juli haben sich deshalb bereits 1.047.989 Personen über die Fußball-WM 2030 informiert. Diese findet gemäß dem Vierjahresrhythmus 2030 in den Hauptgastgeberländern Marokko, Portugal und Spanien statt. Aufgrund des 100-jährigen Jubiläums werden zudem einzelne Spiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay ausgetragen.

Für großes Interesse sorgte außerdem Christopher Nolans neuer Film The Odyssee. Er ist der erste Spielfilm in der Kinogeschichte, der vollständig mit speziell entwickelten IMAX-Kameras gedreht wurde und deshalb weltweit für viele ausverkaufte IMAX-Kinosäle verantwortlich ist.

1.020.403 Personen besorgten sich in der Wikipedia Informationen über die Handlung und den Entstehungshintergrund des Films.

Bei seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft führte der norwegische Stürmer seine Nationalmannschaft mit gleich sieben Toren ins Viertelfinale. Damit gehört Erling Haaland zusammen mit Lamine Yamal aktuell zu den begehrtesten Fußballspielern überhaupt.

Doch nicht nur auf dem Platz überzeugt der 26-Jährige: Auch sein Social-Media-Auftritt kommt bei Fans sehr gut an. Vor allem auf Instagram teilt Haaland regelmäßig Einblicke in seinen Alltag und punktet besonders mit selbstironischen Reaktionen auf Memes über seine Person. Im Juli kommen deshalb zu seinen 76 Millionen Followern auch 871.490 Wikipedia-Aufrufe hinzu.

Der erst 19-jährige Spanier Lamine Yamal schrieb schon früh Fußballgeschichte. Mit nur 16 Jahren wurde er zum jüngsten Spieler und Torschützen der spanischen Nationalmannschaft und gewann daraufhin auch gleich die Europameisterschaft 2024. Nun konnte er sich im Juli, nur 6 Tage nach seinem Geburtstag, zusätzlich den WM-Titel sichern.

Diese beeindruckende Leistung lasen 833.190 Menschen in der Wikipedia nach.

Nach dem vorzeitigen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft verkündete der ehemalige Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann im Juli seinen Rücktritt. Prompt folgten Spekulationen über seine Nachfolge.

Als Wunschkandidat des DFB kristallisierte sich schnell der frühere Trainer von Borussia Dortmund und dem FC Liverpool, Jürgen Klopp, heraus. Zunächst standen einer Zusage noch Unstimmigkeiten mit seinem bisherigen Arbeitgeber Red Bull im Weg. Diese sind inzwischen jedoch geklärt, sodass Klopp sein Amt als Bundestrainer am 15. August antreten kann. Über diese Entwicklung informierten sich insgesamt 772.832 Wikipedia-Nutzer:innen.

Mit seiner Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 bestritt Lionel Messi seine sechste WM-Endrunde und gehört damit gemeinsam mit Cristiano Ronaldo und Guillermo Ochoa zu den Spielern mit den meisten WM-Endrundenteilnahmen. Die argentinische Nationalmannschaft erreichte zwar das Finale, musste sich dort jedoch Spanien geschlagen geben und konnte ihren Titel von 2022 nicht verteidigen. Für den 39-jährigen Weltstar war dieses Turnier aller Voraussicht nach sein letzter WM-Auftritt. Im Juli wurden sein Artikel und die dort enthaltenen Informationen zu seiner beeindruckenden Fußballkarriere insgesamt 674.578-mal aufgerufen.

Die walisische Sängerin Bonnie Tyler verstarb am 8. Juli 2026 im Alter von 75 Jahren nach längerer Krankheit. In den 1980ern wurde sie durch Hits wie “Total Eclipse of the Heart” und “Holding Out for a Hero” weltberühmt. Ihr Tod löste weltweit große Anteilnahme aus, sodass ihr Wikipedia-Artikel im Juli ganze 626.400-mal aufgerufen wurde.

Schon seit Beginn der Fußball-WM 2026 nimmt die Kritik am FIFA-Präsidenten Gianni Infantino stetig zu. Im Fokus stehen die hohen WM-Ticketpreise, die kontrovers diskutierte Aufhebung einer Spielsperre für den US-Stürmer Folarin Balogun sowie die jüngst geäußerten Pläne, Anteile verschiedener Turniere an private Investoren zu verkaufen.

Mittlerweile wird aus verschiedenen Richtungen sein Rücktritt gefordert. So droht der europäische Fußballverband Uefa mit einem Boykott weiterer FIFA-Turniere. Im Juli informierten sich 584.579 Wikipedia-Lesende über Infantino.

Festival-Fotos für alle!

Die Idee entstand 2012: Nach einem Besuch des Wacken Open Airs stellte ein Wikipedianer fest, dass es für viele zeitgenössische Musikerinnen und Musiker kaum frei nutzbare Fotos für die Wikipedia gab. Das sollte sich im nächsten Jahr ändern: Warum nicht selbst Fotos machen? Ein Team aus der Community machte sich daran, Akkreditierungen für Konzerte und Festivals zu organisieren – und macht das bis heute. Wikimedia Deutschland und Wikimedia Österreich sagten die Förderung zu und stellen seitdem professionelle Kameratechnik zur Verfügung. 2013 ging der Festivalsommer schließlich an den Start – und war ein voller Erfolg: Schon im ersten Jahr luden die Ehrenamtlichen auf insgesamt 73 Veranstaltungen 14.176 Fotos auf Commons hoch.

Rund 390.000 Fotos in 13 Jahren

Seitdem haben bereits über 50 ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen Konzerte, Festivals und viele weitere Veranstaltungen für Wikimedia Commons fotografiert. Die Bilder illustrieren Wikipedia-Artikel und verwandte Projekte wie Wikiquote oder Wiktionary insgesamt 55.770 mal in etlichen Sprachen. So helfen sie dabei, bestehende Inhalte zu erweitern oder neue Inhalte überhaupt erst möglich zu machen. Von 2013 bis heute sind bereits 388.483 Bilder im Rahmen des Festivalsommers entstanden. Laut Projektseite kommen 80 neue Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia dazu.

Fotografieren ist für mich ein kreatives Hobby. Es macht mir unglaublich Spaß, im Graben zu stehen und die Künstler bei ihrer Performance möglichst spektakulär abzulichten.
Stefan Bollmann

Stefan Bollmann ist seit 2007 in der Wikipedia aktiv und hat im Rahmen des Festivalsommers bereits über 80 Mal fotografiert. Besondere Momente verbindet er dabei vor allem mit der Berliner Rockband Knorkator.

Die holen seit einigen Jahren immer die Fotografen aus dem Fotograben auf die Bühne und man kann dann die Band direkt auf der Bühne fotografieren. Sozusagen hautnah.
Stefan Bollmann
Die Rockband Knorkator auf dem Metal Frenzy Festival, der Sänger auf der Bühne stehend.

Der Festivalsommer lebt vom ehrenamtlichen Engagement

Mitmachen können alle, die im besten Fall schon erste Erfahrungen in Wikimedia Commons oder Wikipedia gesammelt haben, sich für Konzert- und Veranstaltungsfotografie begeistern und Spaß daran haben, mit  ihren Bildern und ihrem Wissen zur Wikipedia und Wikimedia Commons beizutragen.

Wer Lust hat mitzumachen, bisher aber noch nicht in den Wiki-Projekten aktiv ist, findet hier eine ganze Palette an Angeboten für den Einstieg in die Wikipedia.

Was wäre, wenn Daten besser zusammenarbeiten könnten?

Wie praktisch wäre es, wenn Informationen über Unternehmen, Organisationen oder Lieferketten nicht auf unzählige Datenbanken verteilt wären, sondern sich einfach miteinander verbinden ließen? Wer Daten heute recherchiert, muss häufig verschiedene Quellen durchsuchen und Informationen mühsam zusammenführen. Werden offene Daten miteinander verknüpft, entstehen neue Zusammenhänge, die Informationen werden leichter auffindbar und können in ganz unterschiedlichen Kontexten wiederverwendet werden.

Genau daran arbeitet das Global Open Data Integration Network (GODIN). Das internationale Netzwerk bringt Organisationen zusammen, die offene Daten veröffentlichen oder offene Datenstandards entwickeln. Gemeinsam möchten sie die Interoperabilität offener Daten verbessern und so Transparenz, Zusammenarbeit und Entwicklung fördern.

Neben Wikimedia Deutschland begrüßt GODIN auch Open Supply Hub und Wikirate International  als neue Mitglieder, die unterschiedliche Perspektiven und Datenbestände in das Netzwerk einbringen.

Von offenen Daten zu vernetzten Informationen

GODIN wurde gemeinsam von der Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF) und Open Ownership ins Leben gerufen. Innerhalb des Netzwerks übernimmt GLEIF eine federführende Rolle bei der Koordination und Weiterentwicklung der Initiative. Gleichzeitig bringen alle Mitglieder ihre eigene Expertise und Perspektive ein, um gemeinsam die Verbindung offener Daten weltweit voranzubringen.

GLEIF ist eine gemeinnützige Organisation, die gegründet wurde, um die Implementierung und Nutzung des Legal Entity Identifier (LEI) und seiner digitalisierten Version, dem kryptografisch verifizierbaren LEI (vLEI), zu unterstützen. Der LEI ist eine weltweit eindeutige Kennung für Organisationen und hilft dabei, Informationen aus verschiedenen Quellen zuverlässig derselben Organisation zuzuordnen. Dadurch können Daten besser miteinander verbunden und vertrauenswürdiger genutzt werden.

Open Ownership setzt sich weltweit für mehr Transparenz bei Eigentums- und Beteiligungsstrukturen von Unternehmen ein. Die Organisation entwickelt offene Ansätze und Standards, um Informationen darüber zugänglich und nutzbar zu machen, wem Unternehmen gehören oder wer Kontrolle über sie ausübt.

Darum sind wir bei GODIN dabei

Wikimedia Deutschland initiierte und entwickelt Wikidata, einen der weltweit größten offenen Wissensgraphen. Über aktuell 220 Millionen strukturierter Einträge bilden dort ein Netzwerk miteinander verknüpfter Informationen und schaffen die Datengrundlage für Wikipedia sowie zahlreiche Anwendungen, Forschungsprojekte und digitale Dienste. Auch treiben wir mit Wikibase, der Software hinter Wikidata, das Konzept von Linked Open Data (LOD) voran, mit dem wir eine Seite des Internets fördern, die dem Gemeinwohl und der Zukunft der Menschen dient.

Die Erfahrungen aus Wikidata und Wikibase möchten wir künftig auch bei GODIN einbringen. Denn Daten werden besonders wertvoll, wenn sie über Organisations- und Plattformgrenzen hinweg sinnvoll miteinander verbunden werden können. Unser Beitritt steht deshalb vor allem für den Wunsch, gemeinsam an einer offenen, vernetzten und nachhaltigen Datenlandschaft zu arbeiten.

Der Wert von offenem Wissen steigt, wenn es bereichsübergreifend vernetzt und wiederverwendet werden kann. Der Beitritt zu GODIN spiegelt unser Engagement wider, Interoperabilität von Daten zu verbessern und den Nutzer*innen den freien Zugang zu mehr Informationen zu erleichtern.
Alan Ang Senior Partner Manager bei Wikimedia Deutschland

Drei neue Mitglieder, ein gemeinsames Ziel

Die drei neuen Mitglieder ergänzen GODIN auf unterschiedliche Weise.

Wikimedia Deutschland bringt neben seiner Expertise im Bereich strukturierter Wissensdaten, Wissensgraphen auch die enge Zusammenarbeit mit einer internationalen Community ein . Open Supply Hub trägt dazu bei, Lieferketten transparenter zu machen, indem Produktionsstandorte weltweit offen dokumentiert werden. Wikirate International sammelt und veröffentlicht Daten zur sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen und unterstützt damit eine bessere Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsinformationen.

Gemeinsam zeigen wir, wie vielfältig offene Daten sind – und welchen Mehrwert sie schaffen können, wenn sie miteinander verknüpft werden.

Begriffserklärungen

GODIN (Global Open Data Integration Network)

Ein internationales Netzwerk von Organisationen, die offene Daten veröffentlichen oder offene Datenstandards entwickeln. Ziel ist es, Daten über gemeinsame Standards und eindeutige Identifikatoren besser miteinander zu verbinden, damit sie leichter gefunden, kombiniert und genutzt werden können.

Wikidata

Wikidata ist ein frei verfügbarer Wissensgraph. Anders als eine klassische Datenbank speichert Wikidata Informationen nicht nur als einzelne Datensätze, sondern als Netz miteinander verknüpfter Fakten. Dadurch können Zusammenhänge zwischen Personen, Orten, Organisationen oder anderen Themen maschinell verstanden und in Anwendungen wie Wikipedia, Suchmaschinen oder Forschungsprojekten genutzt werden.

Wikibase

Wikibase ist die Open-Source-Software, auf der Wikidata basiert. Mit ihr lassen sich strukturierte Daten speichern, verwalten und miteinander verknüpfen. Da Wikibase frei verfügbar ist, können auch andere Organisationen eigene Wissensdatenbanken aufbauen und ihre Daten mit anderen offenen Datenquellen verbinden.

Linked Open Data (LOD)

Linked Open Data bezeichnet das Prinzip, offene Daten so zu veröffentlichen, dass sie über gemeinsame Standards und eindeutige Identifikatoren miteinander verknüpft werden können. Dadurch entstehen Verbindungen zwischen verschiedenen Datensammlungen, die neue Zusammenhänge sichtbar machen und Informationen leichter auffindbar sowie wiederverwendbar machen. Wikidata ist eines der bekanntesten Beispiele für Linked Open Data und zeigt, wie vernetzte Daten einen größeren Mehrwert schaffen können als isolierte Datensätze.

LEI (Legal Entity Identifier)

Der Legal Entity Identifier (LEI) ist eine weltweit eindeutige Kennung für Organisationen. Er ist ein alphanumerischer Code aus 20 Zeichen und basiert auf der von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) entwickelten ISO-Norm 17442. In einem LEI sind alle relevanten Informationen über ein Unternehmen oder eine juristische Person enthalten, so dass Fragen zur Identität („Wer ist Wer“) und zu den Eigentumsverhältnissen („Wer besitzt wen“) eindeutig beantwortet werden können. Diese Referenzdaten, also die öffentlich zugänglichen Informationen über Rechtsträger, werden anhand von öffentlichen Drittquellen validiert, und ermöglichen die eindeutige Identifizierung von juristischen Personen.Die LEI-Datensätze sind im Global LEI Index, dem öffentlich zugänglichen LEI-Datenbestand, abrufbar.

Takeaways

  • Wikipedia als Einstieg in eine Profikarriere: Stepro begann mit einem einzigen korrigierten Filmeintrag – und wurde über die Wikipedia-Community zum professionellen Fotografen. Autodidaktisch, Schritt für Schritt.
  • Fotos gehören in die Wikipedia: Wer Bilder macht und sie nur für sich behält, verschenkt ihre Wirkung. Auf Wikimedia Commons sind sie dauerhaft für alle zugänglich – und bereichern Artikel, die sonst kein einziges Bild hätten.
  • Lücken füllen, die sonst niemand füllt: Im Frauen-Sport, bei regionalen Veranstaltungen, in Nischenbereichen – da fehlen Fotos. Wer dort fotografiert und hochlädt, macht Menschen und Themen sichtbar, die sonst nur wenig Aufmerksamkeit genießen.Freies Wissen braucht Gesichter: Artikel über Sportlerinnen, Politiker, Kulturschaffende sind ohne Porträtfotos unvollständig. Dein Bild kann das erste sein, das einen Artikel zum Leben erweckt. .
  • Technikförderung macht den Unterschied: Stepros gesamte Kameraausrüstung stellt Wikimedia Deutschland, ein Teleobjektiv leiht er sich von Wikimedia Österreich. Ohne diese Unterstützung wären viele seiner Bilder nicht möglich.
  • Offen ansprechen statt heimlich knipsen: Sein ultimativer Tipp für gute Bilder: Menschen erklären, wofür die Fotos gedacht sind. Die Reaktion ist fast immer positiv. Und das Bild wird besser.

Stepro, wann und wie bist du Wikipedianer geworden?

Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Wikipedia war damals noch gar nicht so bekannt. Ich habe den Film „Die Verurteilten“ geschaut, zu dem ich etwas wissen wollte, googelte und stieß auf den Wikipedia-Eintrag. Darin fand ich ein Detail, das nicht stimmte und habe es einfach geändert. Das war mein erster Edit. Ich dachte: Was passiert jetzt? Bricht die Hölle los? Es ist aber gar nichts passiert (lacht)! Die Änderung blieb, und ich dachte: Das ist ja cool!

Wie ging es weiter?

Ich habe nicht sofort große Artikel geschrieben, aber immer mal wieder Kleinigkeiten korrigiert oder erweitert – und irgendwann stellte ich fest: Die Wikipedia-Community veranstaltet auch Fotoworkshops. Gehe ich da doch einfach mal hin! Darüber kam ich zur Fotografie. Ich hatte damals nur Hosentaschen-Knipser, aber mein Interesse war geweckt. Ich fing an, Bilder auf Wikimedia Commons hochzuladen und in Wikipedia-Artikel einzubinden. Daraus wurde dann eine richtige Leidenschaft.

Wieviele Uploads auf Wikimedia Commons hast du inzwischen?

Um die 50.000 müssten es sein. Rund 1300 davon wurden von der Community als sogenannte „Qualitätsbilder“ ausgezeichnet. Das sind Bilder, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllen und für die Wikimedia-Projekte nützlich sind. Dazu kommen ca. 20 „Exzellente Bilder“, die von Commons-Usern als die hochwertigsten auf der Seite gewählt werden – was mich natürlich sehr freut!

Was waren deine ersten Motive?

Tatsächlich Denkmäler. Damals, 2011, fand die erste deutschsprachige Ausgabe des Wettbewerbs Wiki Loves Monuments statt. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen bin ich fünf Tage lang durch Mittelhessen gezogen und habe Schlösser und Burgen fotografiert. Hinterher konnte ich dann einigermaßen fotografieren. Und ich fühlte mich noch mehr als Teil der Community. Ich war bereits ein Jahr vorher bei der ersten Skillshare in Lüneburg dabei, dem Vorläufer der WikiCon, die dann unter diesem Namen zum ersten Mal 2011 stattfand. Die habe ich auch besucht – und seitdem keine WikiCon verpasst.

Warum wolltest du deine Bilder allen frei zur Verfügung stellen?

Heute posten viele ihre Bilder auf Instagram oder anderen Kanälen, aber zu der Zeit, als ich anfing, hat man sich Fotos meist nur selbst angeschaut, sich darüber gefreut – und dann war’s das. Das fand ich schade. Deswegen fing ich an, sie bei Wikimedia Commons hochzuladen. Ich fand es auch einfach schön, wenn Wikipedia-Artikel Bilder bekamen und dadurch anschaulicher und lebendiger wurden. Egal, ob es um Schauspieler, Politiker, Sportler oder andere Persönlichkeiten geht – wenn man einen Artikel aufruft, möchte man doch einfach wissen, wie dieser Mensch aussieht. Es ist teilweise heute noch so, dass ich in Artikel das erste Bild einsetze, gerade im Sportbereich.

Wie bist du Fotoprofi geworden?

Das kam mit der Zeit. Wenn man so viele Jahre lang fotografiert, wird man automatisch besser, das ist ja hauptsächlich eine Frage von Erfahrung. Ich hatte beruflich lange Zeit befristete Arbeitsverträge, dachte dann an irgendeinem Punkt: jetzt versuchst du es mal mit der Selbstständigkeit – und bin dann tatsächlich professioneller Fotograf geworden. Komplett als Autodidakt. Klar habe ich Bücher gelesen und bei Workshops einiges gelernt. Aber im Prinzip geht es beim Fotografieren vor allem ums Machen. Man muss sich langsam ranarbeiten.

Was waren wichtige Learnings unterwegs? Was würdest du anderen raten, die anfangen wollen zu fotografieren?

Klein anfangen. Im Sportbereich habe ich zum Beispiel mit Frauenfußball begonnen. Heutzutage ist auch da die Konkurrenz größer, aber man kann immer noch in einer der unteren Ligen einsteigen. Und wenn man das eine Weile gemacht hat, geht man eben eine Liga höher. Das war jedenfalls mein Weg. Im Wintersportbereich fing ich damit an, Rodelwettkämpfe zu fotografieren. Wenn man erstmal ein paar gute Fotos vorzeigen kann, öffnen sich in der Regel weitere Türen. Beim Motorsport war es genauso. Ich fing mit Motorradrennen am Schleizer Dreieck an, habe es dann zur DTM geschafft, später zur Formel E – und schließlich eine Akkreditierung für die Formel 1 bekommen.

Warum der Einstieg mit Frauenfußball?

Mich hat Fußball eigentlich nie interessiert. Aber dann fand 2011 die WM der Frauen in Deutschland statt, ich war live beim Eröffnungsspiel im Berliner Olympiastadion dabei. Das fand ich cool. Danach habe ich um die Ecke von meinem Wohnort Erfurt, in Jena, ein Spiel der Frauen-Bundesliga besucht. Erstmal nur als Zuschauer. Ich dachte: Mal sehen, ob ich mit der Kamera reinkomme. Das war überhaupt kein Problem, ich konnte von der Tribüne aus in Ruhe meine Fotos machen. Dann fragte ich, ob ich vom Spielfeldrand Fotos für Wikipedia machen darf. Und es hieß nur: Klar, mach doch.

Wie leicht ist es, als Wikipedianer eine Akkreditierung für Sportveranstaltungen zu bekommen?

Es kommt drauf an. Für die Fußball-Champions League der Männer dürfte es schwierig werden. Aber zum Beispiel im Bereich Volleyball oder Basketball der Frauen sollte das kein Problem sein. Ich habe selbst eine Zeitlang die Basketball-Bundesliga der Frauen fotografiert – da war ich teilweise der einzige Pressevertreter. Auch in der Wikipedia oder auf Commons gab es dazu nichts. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Aufmerksamkeit ist gerade im Sport schon krass. Der Wikipedia wird ja oft ein Gender-Gap vorgeworfen. Aber die Wurzeln des Problems liegen im echten Leben.

Was ist für dich der Unterschied zwischen einem Pressefoto und einem Foto für die Wikipedia?

Bei einem Pressefoto geht es meist um Actionszenen, für einen Personen-Artikel in der Wikipedia ist ein Portrait besser. Mir kommt das entgegen, weil ich sowieso am liebsten Porträtfotos mache. Ich gehe oft nach Sportveranstaltungen noch zu den Pressekonferenzen und lichte da die Menschen aus der Nähe ab. Ohne Helm oder Visier (lacht). Manchmal schreibe ich Leute auch direkt an, ob ich mit ihnen Fotos machen kann – wie zuletzt beispielsweise die Rennfahrerin Sophia Flörsch.

Auf welche deiner Bilder bist du besonders stolz?

Fotos von Siegerehrungen oder Jubeltrauben direkt nach einem Sieg finde ich am schönsten. Wenn Sportlerinnen oder Sportler eine Medaille umgehängt bekommen oder einen Pokal in die Höhe stemmen – das sind schon tolle Momente. Oder wenn ein Rennfahrer wie Pascal Wehrlein auf dem Podium seine kleine Tochter auf dem Arm hat – das war ein süßer Moment.

Was rätst du Menschen, die in der Wikipedia oder bei Wikimedia Commons mitmachen wollen?

Einfach machen. Klingt simpel, ist es auch (lacht). Schauen, was andere machen, sie fragen, wie sie es machen, vielleicht zu einem Treffen von Wikipedianern gehen oder an einer GLAM-Veranstaltung teilnehmen. Da sind auch immer Ehrenamtliche dabei, die fotografieren und gerne Tipps geben.

Was ist dein ultimativer Tipp für ein gutes Bild?

Es ist immer gut, Menschen ganz offen anzusprechen. Sagen, warum man die Fotos machen will und dass sie für die Wikipedia gedacht sind. Die Allermeisten reagieren darauf sehr positiv. Dann entsteht auch ein besseres Bild, als würde man heimlich aus der fünften Reihe jemanden fotografieren. Man sollte generell keine Fotos hochladen, auf denen Leute unvorteilhaft aussehen.

Meine Lieblingsbilder sind die von glücklichen Menschen
Stepro

So unterstützt Wikimedia Deutschland ehrenamtliche Fotograf*innen

Von Sportevents bis zu Kulturveranstaltungen braucht es oft Presseakkreditierungen. Wir unterstützen alle, die ehrenamtlich Bilder für Wikipedia und Wikimedia Commons machen möchten, bei der Beantragung.

Wer eine Profikamera oder ein Teleobjektiv für seine ehrenamtliche Arbeit benötigt, kann diese bei uns beantragen. Wir stellen Leihgeräte zur Verfügung – von Kameras bis hin zu teuren Objektiven.

So ist ehrenamtliches Fotografieren für Freies Wissen möglich

Erweitern Sie die Bilderwelt von Wikimedia Commons – der freien Mediendatenbank – und schließen Sie mit Ihren Fotos Lücken im weltweiten Wissensschatz. Zeigen Sie anderen, wie freie Bilder nachgenutzt werden können:

Das sind die Top 10 Wikipedia-Artikel im Juni

Thursday, 9 July 2026 05:28 UTC

Im Juni 2026 wurden folgende Wikipedia-Artikel besonders häufig aufgerufen:

Zum WM-Auftakt besiegte Deutschland den WM-Debütanten Curaçao mit 7:1 und erinnerte damit an das berühmte Halbfinale gegen Brasilien im Jahr 2014. Dennoch haben sich die Mannschaft und ihre hochmotivierten Fans in die Herzen der Zuschauer*innen gespielt. Der Wikipedia-Artikel zur Karibikinsel wurde im Juni 2.883.390-mal gelesen.

Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 gab es Kritik, insbesondere am Gastgeberland USA. Die USA stellen gemeinsam mit Kanada und Mexiko den diesjährigen Austragungsort. Aufgrund der überteuerten Tickets und der allgemeinen politischen Situation unter Donald Trump riefen einige Fußballfans zu einem Boykott auf. Die Wikipedia-Seite wurde ganze 2.175.782 Mal angesehen.

Deniz Undav steht seit 2023 als Stürmer beim VfB Stuttgart unter Vertrag. 2024 wurde er außerdem für die deutsche Nationalmannschaft nominiert. Beim Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste gelang ihm nach seiner Einwechslung zunächst der 1:1-Ausgleich und in der Nachspielzeit sogar der 2:1-Siegtreffer, der Deutschland den Einzug ins Sechzehntelfinale sicherte. Seine Rolle als Einwechselspieler bei der Fußball-WM 2026 sorgte in der deutschen Öffentlichkeit für heftige Diskussionen und verzeichnete insgesamt 1.516.853 Aufrufe in der Wikipedia.

Nicht nur der Artikel zur diesjährigen Fußball-WM wurde fleißig gelesen: Auch der Artikel zu den vergangenen Weltmeisterschaften kam im Juni auf insgesamt 989 203 Aufrufe. Neben der Geschichte konnten darin die Rekordtorschützen und die vergangenen Fußball-Weltmeister nachgelesen werden.

Mit knapp 600.000 Einwohnern ist Kap Verde eine der kleinsten Nationen, die sich je für eine Fußball-WM qualifiziert haben. Nach dem überraschenden Weiterkommen in der Gruppenphase hielten sie sich im Sechzehntelfinale tapfer gegen den Favoriten Argentinien. Erst in der Nachspielzeit schieden sie mit einem 3:2 aus. Die Geschichte des afrikanischen Inselstaates lasen 810 139 Wikipedia-Nutzer*innen nach.

Trotz der großen Fußball-Euphorie hat es auch der deutsche Tennisprofi Alexander Zverev unter die zehn meistgelesenen Wikipedia-Artikel im Juni geschafft. Seine Seite wurde insgesamt 778.628 Mal aufgerufen. Bisher hat er 25 Titel im Einzel und drei im Doppel gewonnen.

Bei dieser Weltmeisterschaft hat die deutsche Nationalelf keine Chance mehr auf den WM-Titel, doch das nächste Turnier lässt nicht lange auf sich warten. Bereits 689 224 Personen haben sich über die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 informiert. Hauptgastgeber für das 100-jährige Jubiläum sind Marokko, Portugal und Spanien, einzelne Spiele finden in Argentinien, Paraguay und Uruguay statt.

Fussballfans Elfenbeinküste

Das Nationalteam der Elfenbeinküste gewann bereits mehrfach den Afrika-Cup und qualifizierte sich auch für die Endrunde der Fußball-WM 2026. In der Gruppenphase unterlagen sie Deutschland nur knapp mit 2:1 und zogen trotzdem ins Sechzehntelfinale ein. Dort schieden sie mit einer 2:1-Niederlage gegen Norwegen aus. Der Artikel über die Elfenbeinküste wurde insgesamt 629 830 Mal gelesen.

Im Juni musste Julian Nagelsmann als Bundestrainer viel Kritik einstecken. Nachdem er 2022 mit dem FC Bayern München deutscher Meister geworden war, übernahm er 2023 die deutsche Nationalmannschaft. Auf zwei erfolgreiche Siege in der Gruppenphase folgten eine Niederlage gegen Ecuador und das frühe WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Kurz darauf verkündete er seinen Rücktritt. Über seinen Werdegang informierten sich 571.425 Wikipedia-Nutzer*innen.

Felix Kalu Nmecha ist ein deutsch-englischer Fußballspieler, der aktuell bei Borussia Dortmund unter Vertrag steht. Seit 2023 spielt er außerdem für die deutsche Nationalmannschaft. Als bekennender Christ teilt er regelmäßig religiöse Inhalte in den sozialen Medien und erregte damit bei der Fußball-WM 2026 internationales Aufsehen. Nach dem deutschen Auftaktspiel formte er gemeinsam mit anderen Spielern einen Gebetskreis und löste infolgedessen eine Debatte um die Sichtbarkeit von Religion in der Öffentlichkeit aus. Mit 567.716 Aufrufen erreichte sein Wikipedia-Artikel im Juni Platz 10.

Mitmachen bei Wikipedia

Wikipedia ist eine offene Enzyklopädie! Wer selbst Lust hat, Wissen zu teilen oder zu verbessern, kann jederzeit mitmachen.

Wie das geht? Wikimedia Deutschland unterstützt verschiedene Projekte, die Engagierten den Einstieg in die Wikipedia lehren.

Zu verstehen, wer politische Macht ausübt und wie Rollen, Institutionen und Einzelpersonen miteinander verbunden sind, ist für jede funktionierende Demokratie von grundlegender Bedeutung. In der Praxis sind diese Informationen jedoch oft fragmentiert, uneinheitlich und schwer zu finden, insbesondere über Länder- und Systemgrenzen hinweg.

Mit „EveryPolitician“ will die Organisation OpenSanctions dies ändern. Das Projekt zielt darauf ab, einen globalen, strukturierten Datensatz politischer Amtsträger aufzubauen – von Regierungschef*innen und Gesetzgeber*innen bis hin zu Richter*innen und vielen mehr. Mit aktuell über 720.000 Einträgen schafft die Datenbank eine Grundlage für Transparenz, Forschung und Rechenschaftspflicht. Unter Nutzung von Wikidata verknüpft sie verstreute öffentliche Daten zu einem kohärenten, abfragbaren Wissensgraphen.

Was ist ein Wissensgraph? Ein Wissensgraph verknüpft Informationen und macht Beziehungen zwischen ihnen sichtbar. Wikidata ist ein solcher Wissensgraph: EveryPolitician nutzt diese Struktur, um politische Daten zu vernetzen und Zusammenhänge zwischen Personen, Ämtern und Institutionen zu zeigen.

Portrait
Johan Schuijt leitet das Projekt Every Politician seit Anfang 2026

Wir sprachen mit Johan Schuijt, dem Leiter von „EveryPolitician“, darüber, wie das Projekt entstanden ist, was es von herkömmlichen Datensätzen unterscheidet und warum offene Wissensinfrastrukturen entscheidend sind, um Macht in einer komplexen, datengesteuerten Welt zu verstehen.

Takeaways

  • Politische Transparenz braucht offene Daten. Nur wenn klar ist, wer politische Verantwortung trägt, können demokratische Kontrolle und Rechenschaft funktionieren.
  • Erst vernetzte Daten machen Zusammenhänge sichtbar. Werden Informationen aus vielen Quellen strukturiert zusammengeführt, lassen sich Muster, Netzwerke und Entwicklungen erkennen.
  • Wikidata liefert das Fundament für offene Wissensprojekte. Die Kombination aus einer globalen Community, einem gemeinsamen Datenmodell und eindeutigen Identifikatoren macht Wikidata zur idealen Grundlage für Projekte wie EveryPolitician.
  • Politische Daten sind komplexer, als sie auf den ersten Blick wirken. Unterschiedliche politische Systeme, Begriffe und Datenstandards machen ihre weltweite Erfassung zu einer technischen und gesellschaftlichen Herausforderung.
  • Offene Wissensinfrastrukturen sind Gemeinschaftsprojekte. Projekte wie EveryPolitician leben von Menschen und Organisationen weltweit, die ihr Wissen teilen und gemeinsam zu einer transparenten politischen Datenbasis beitragen.

Ihr habt euch mit „EveryPolitician“ zum Ziel gesetzt, politische Amtsträger weltweit zu erfassen. Wie kam es zu dieser Idee?

Die heutige Version von „EveryPolitician“ entstand aus einem früheren Projekt der britischen gemeinnützigen Organisation mySociety. Es basierte auf der einfachen Idee, genaue und aktuelle Daten zu allen politischen Amtsträger*innen weltweit zu sammeln und diese in einem einheitlichen, kostenlosen und barrierefreien Format öffentlich bereitzustellen. Die frühe Version von „EveryPolitician“ wurde 2019 eingestellt, da die enorme Aufgabe, aktuelle Parlamentsdaten zu sammeln, im Rahmen einer durch Fördermittel finanzierten Organisation nicht aufrechterhalten werden konnte.

OpenSanctions hat das Projekt dann Anfang dieses Jahres übernommen, und wir bleiben der ursprünglichen Vision von mySociety treu, indem wir den Fokus auf die Community legen und die Mitwirkung der Nutzer*innen in den Vordergrund stellen. Das Projekt knüpft zudem eng an unsere Arbeit bei OpenSanctions an und bietet uns die Möglichkeit, unsere Daten zu politisch exponierten Personen (kurz: PEPs) zu erweitern und zu vertiefen, die von Finanzdienstleistungsunternehmen für Geldwäschebekämpfungsmaßnahmen (Anti-Money Laundering, kurz AML) genutzt werden.

Ihr sagt, dass Transparenz über politische Amtstragende eine wichtige Grundlage für Rechenschaftspflicht ist. Warum ist es so wichtig, dass Bürger*innen nachvollziehen können, wer welche politischen Ämter innehat und welche Verantwortung damit verbunden ist?

Egal, wo auf der Welt wir leben: Politische Entscheidungen beeinflussen unser aller Leben. Zu wissen, wer diese Entscheidungen mitgestaltet und welche Personen Verantwortung tragen, sollte daher ein grundlegendes Recht aller Bürger*innen sein.

Der Zugang zu verlässlichen Daten über politische Amtstragende ist dafür ein wichtiger erster Schritt. Darüber hinaus möchten wir eine Datenbasis schaffen, die in der Praxis genutzt werden kann – etwa in der Korruptionsbekämpfung, bei der Verhinderung von Geldwäsche oder im investigativen Journalismus. Wir verstehen diese Arbeit als Teil eines größeren Ansatzes, Transparenz zu fördern und Strukturen für mehr Verantwortlichkeit im politischen Leben zu schaffen.

Es gibt bereits verschiedene Datensätze zu Politiker*innen und Amtsträger*innen. Wodurch unterscheidet sich „EveryPolitician“ von anderen Initiativen?

Ich denke, was das Projekt vor allem auszeichnet, ist die Tatsache, dass wir Daten aus so vielen verschiedenen Quellen zusammenführen und sie aufeinander abstimmen. Ein weiterer Punkt ist unsere Offenheit – es gibt zwar umfassendere Datensätze, doch diese sind oft kostenpflichtig und für Journalist*innen oder zivilgesellschaftliche Organisationen nicht unbedingt zugänglich. Bei „EveryPolitician“ sind alle Einträge auf unserer Website uneingeschränkt einsehbar, es gibt also keine Bezahlschranke oder Zugangsbarrieren.

Ein weiterer Punkt, der uns auszeichnet, ist, dass wir als Open-Source-Projekt in einer Branche agieren, in der ein solches Maß an Überprüfbarkeit nicht die Norm ist. Unsere Methodik ist öffentlich dokumentiert, und Compliance-Teams können jeden Datenpunkt in Prüf- und Analyseprozessen bis zu seiner ursprünglichen Quelle zurückverfolgen.

Was verändert sich, wenn man fragmentierte Listen von Amtstragenden zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammenführt? Welche Erkenntnisse lassen sich dadurch gewinnen?

Alles verändert sich. Aus einzelnen, isolierten Quellen lässt sich nur begrenzt etwas ableiten, da sie oft nicht direkt vergleichbar sind. Im Grunde geht es um ein „Sprachproblem“: Es braucht ein gemeinsames Datenmodell, das die Struktur von Hunderten politischer Systeme sinnvoll abbildet – eine zentrale und spannende Herausforderung.

Wenn diese Datensätze bereinigt, dedupliziert und zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden, werden Muster und Anomalien sichtbar, die tiefere Analysen ermöglichen.

Wenn fragmentierte Daten zu einem strukturierten, vernetzten Datensatz zusammengeführt werden: Welche Herausforderungen ergeben sich dabei bei der weltweiten Erhebung und Aufbereitung politischer Daten?

Die Erfassung politischer Daten weltweit ist eine Aufgabe, die die Kapazitäten eines einzelnen Entwicklerteams deutlich übersteigt. Wahlen finden regelmäßig statt, ebenso Kabinettsumbildungen, und je nach Land werden offizielle Informationen sehr unterschiedlich häufig und in unterschiedlicher Qualität aktualisiert.

In gewisser Weise sind politische Daten selbst politisch: Unterschiedliche Länder verwenden verschiedene Systeme, Begriffe und Klassifikationen für Ämter und Institutionen. Schon die Frage, wer überhaupt als politischer Amtstragender gilt, ist nicht einheitlich definiert. Diese unterschiedlichen Quellen und Rollen in ein gemeinsames Datenmodell zu überführen, erfordert daher viele Abwägungen – technisch anspruchsvoll und oft auch kontextabhängig.

Hinzu kommen systemische Verzerrungen: Bei der Erfassung politisch exponierter Personen (PEPs) sind Daten zu bekannten Politiker*innen in großen Ländern wie den USA oft sehr detailliert, während Informationen aus kleineren oder digital weniger gut dokumentierten Ländern häufig lückenhaft sind. Außerdem dominieren englischsprachige Quellen, und wohlhabendere Länder mit aktiveren zivilen Softwareentwickler*innen-Netzwerken verfügen in der Regel über mehr Ressourcen zur Datenerhebung und -pflege.

Eine einheitliche Lösung für all diese Herausforderungen gibt es nicht. Ein wichtiger erster Schritt ist jedoch, die Hürden für Beiträge aus der Community so niedrig wie möglich zu halten – etwa durch einfache Techniken, um neue Quellen hinzuzufügen. Unser Ansatz ist es, möglichst viel zu automatisieren und gleichzeitig Menschen weltweit zu ermöglichen, aktiv zur Verbesserung und Erweiterung der Daten beizutragen.

Im Moment erhalten wir viel Unterstützung aus der bestehenden Wikidata-Community und von OpenSanctions-Nutzenden – unser Ziel ist es aber nach und nach eine Community auf der ganzen Welt aufzubauen.

Team-Foto
Für das OpenSanctions-Team ist EveryPolitician ein Herzensprojekt. Von links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei OpenSanctions),Frederik Richter (Commercial Director bei OpenSanctions) und Julia Vernersson (Chief of Staff bei OpenSanctions).

Wie geht ihr bei der Identifikation von Entitäten vor und wie stellt ihr Eindeutigkeit sicher – also dass sich unterschiedliche Datensätze aus verschiedenen Ländern, Sprachen und Systemen tatsächlich auf dieselbe Person beziehen?

Das Abgleichen von Namen und Identitäten ist mehr als ein technisches Problem – in den Daten stecken kulturelle, sprachliche und rechtliche Uneindeutigkeiten, die berücksichtigt werden müssen. Bei „EveryPolitician“ geht es darum, aus unterschiedlichen Datenquellen verlässliche Verbindungen zwischen Personen und Organisationen herzustellen.

Dafür wird ein Verfahren namens Blocking eingesetzt, das effizient mögliche Übereinstimmungen zwischen Datensätzen identifiziert. Anschließend bewertet die Open-Source-Software „nomenklatura“ diese Kandidat*innen anhand verschiedener Merkmale, bereinigt uneinheitliche oder fehlerhafte Daten und hilft dabei, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Datensätzen herzustellen. So können Informationen aus verschiedenen Quellen besser zusammengeführt und Zusammenhänge sichtbar gemacht werden. Ergänzend wird untersucht, wie Large Language Models (LLMs) diesen Matching-Prozess als zusätzliche Prüfebene unterstützen können.

Bei der Identifikation von Identitäten (dem Prozess, bei dem unterschiedliche Datensätze identifiziert, abgeglichen und miteinander verknüpft werden, die sich auf dieselbe reale Entität wie eine Person oder ein Unternehmen beziehen) bezeichnet Blocking das Verfahren, bei dem kleinere Gruppen („Buckets“ oder „Blöcke“) von Entitäten gebildet werden, die bestimmte gemeinsame Merkmale aufweisen – etwa Telefonnummern, Namensbestandteile, Steuernummern oder andere identifizierende Informationen. Eine ausführlichere Erklärung dieses Prozesses findet sich hier.

Dem vorgelagert ist PoliLoom: unser LLM-basiertes Werkzeug, das darauf abzielt, unvollständige oder unstrukturierte Informationen zu erschließen und in strukturierte Daten in Wikidata zu überführen. Es extrahiert beispielsweise Informationen aus natürlichsprachigen Quellen wie Wikipedia-Artikeln, ergänzt sie bei Wikidata und macht sie damit für die weitere Verarbeitung nutzbar.

Auf dieser Basis werden passende Einträge und Kategorien vorgeschlagen, die anschließend von Menschen aus der Wikidata-Community geprüft, angenommen oder auch abgelehnt werden können.

Die beiden Teile greifen ineinander, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen: PoliLoom sorgt dafür, dass Wissen aus unstrukturierten Quellen strukturiert verfügbar wird. Das Blocking- und Matching-System sorgt dafür, dass diese und andere strukturierte Daten über verschiedene Quellen hinweg zuverlässig miteinander verknüpft werden können.

Screenshot

„EveryPolitician“ stützt sich zu einem großen Teil auf Wikidata. Was macht Wikidata zur richtigen Grundlage für dieses Projekt?

Wikidata bietet eine Datenmenge und inhaltliche Breite, mit der kein einzelnes Entwicklerteam mithalten kann. Der community-sorientierte Ansatz und die kollaborative Arbeitsweise führen dazu, dass die Profile sehr detailliert sind: Sie gehen oft weit über grundlegende Informationen wie Geburtsdaten und politische Ämter hinaus und enthalten beispielsweise unterschiedliche Namensvarianten in Dutzenden von Schriftsystemen sowie Informationen zu familiären Beziehungen.

Ein weiterer entscheidender Vorteil von Wikidata ist, dass Einträge dank ihrer eindeutigen Identifikatoren nahezu vollständig von Duplikaten bereinigt sind. Dadurch können zum Beispiel auch alle sprachspezifischen Wikipedia-Artikel zu einem Thema mit demselben Wikidata-Eintrag verknüpft werden. Sie haben vielleicht gesehen, dass wir dieselben QID (Q-Identifikatoren) verwenden, um Personen, die in EveryPolitician auftauchen, eindeutig zuzuordnen.

Inwiefern beeinflusst die Arbeit mit Wikidata euren Arbeitsablauf in der Praxis? Wo hilft es euch am meisten, und wo stoßt ihr auf Herausforderungen?

Unser PoliLoom Tool, basiert zu 100 % auf Wikidata. Wir sind überzeugt, dass die Herausforderung, die internationale politische Landschaft abzubilden – mit Amtsinhaber*innen, die ständig wechseln –, nur mithilfe einer globalen Community begegnet werden kann. Wikidata bietet dafür eine hervorragende Grundlage: Es enthält bereits eine große Anzahl politischer Ämter und Politiker*innen und verfügt über eine starke Community.

Zur einfachen Nutzung von PoliLoom arbeiten wir direkt mit dem Wikidata-Login-System, sodass bestätigte Änderungen unter dem eigenen Benutzerkonto des jeweiligen Community Mitglieds zu Wikidata beigetragen werden kann. Anschließend fließen die Daten aus Wikidata zurück in die zentrale „EveryPolitician“-Datenbank. Wikidata ist das Rückgrat des gesamten Systems.

Die größten Herausforderungen bei den bestehenden Wikidata-Daten entstehen aus derselben Eigenschaft, die gleichzeitig eine ihrer größten Stärken ist: Menschen aus aller Welt tragen zu Wikidata bei. Dadurch werden Daten manchmal nicht  einheitlich modelliert. Die Art und Weise, wie Entitäten klassifiziert werden – und sogar Teile des gesamten Klassifikationssystems –, kann sich verändern. Das macht es anspruchsvoll, ein konsistentes System auf einer Datenbasis aufzubauen, die sich kontinuierlich weiterentwickelt.

Mit Blick auf die Zukunft: Seht ihr ungenutztes Potenzial in Wikidata für weitere Projekte wie „EveryPolitician“?

Jedes Projekt, das das strukturierte Verständnis von Wissen verbessern möchte, kann davon profitieren, seinen jeweiligen Themenbereich in Wikidata abzubilden. Das Wikidata-Datenmodell ist bereits sehr detailliert, sodass Teams viel Zeit sparen, da sie ihre Datenstruktur nicht vollständig von Grund auf neu entwickeln müssen.

Dadurch entsteht bis zu einem gewissen Grad ein wechselseitiger Effekt: Die eigene Community trägt zur Erweiterung von Wikidata bei, während die bestehende Wikidata-Community gleichzeitig hilft, den jeweiligen Fachbereich strukturiert zu modellieren.

Wer sind die wichtigsten Nutzer*innen von „EveryPolitician“ und wie werden die Daten in der Praxis verwendet?

Unsere PEP-Daten werden derzeit hauptsächlich von Compliance-Teams über die OpenSanctions-Datenbank genutzt. Diese Daten sind zum Beispiel Bestandteil von Prozessen zur Identifizierung und Prüfung von Kund*innen (Know Your Customer, KYC) sowie zur Bekämpfung von Geldwäsche (Anti-Money Laundering, kurz: AML) und spielen eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung und Verhinderung von Finanzkriminalität und Korruption.

Auch Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen zeigen Interesse an diesen Daten. Wie genau diese Gruppen die Daten nutzen werden, wird sich im weiteren Verlauf des Projekts noch deutlicher zeigen.

Gruppenbild
Ein Teil des OpenSanctions-Team, das „EveryPolitician“ jeden Tag besser macht. Von links nach rechts: Friedrich Lindenberg (Gründer von OpenSanctions), Julia Vernersson (Chief of Staff bei OpenSanctions), Frederik Richter (Commercial Director bei OpenSanctions), Ivan Stavropoltsev (Data Engineer bei OpenSanctions) und Rita Prates (Operations Manager at OpenSanctions).

Wenn du dir für die Zukunft des offenen Daten Ökosystems, insbesondere im Bereich politischer Daten, etwas wünschen könntest – was wäre das?

Mein Wunsch wäre, dass sich mehr Organisationen an der Aufgabe beteiligen, politische Amtstragende weltweit zu dokumentieren und zu erfassen. Das ist eine enorme Herausforderung. Wenn wir aber verstehen wollen, wer Macht innehat und wie diese Macht ausgeübt wird, müssen wir gemeinsam daran arbeiten. Wikidata ist dafür die perfekte Grundlage.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Richard J. Kloster

Monday, 1 June 2026 07:56 UTC

Richard James Kloster (geboren 1958) ist ein amerikanischer Manager und seit 2026 Mitglied der unabhängigen staatlichen Eisenbahn-Regulierungsbehörde Surface Transportation Board.

Das Surface Transportation Board ist zuständig für Eisenbahn-Tarife und -Service, Umstrukturierungen im Eisenbahnbereich (Mergers, Streckenverkäufe, Neubaustrecken, Stilllegungen), Lkw- und Seeschifffahrtstarife. Fernbusverkehre (Unternehmensstrukturen, Finanzierungs- und Betriebsangelegenheiten) und Tarife für Pipelines, soweit diese nicht schon durch die Federal Energy Regulatory Commission reguliert werden.

Leben
Richard J. Kloster besuchte von September 1976 bis Mai 1977 das William Rainey Harper College in Palatine (Illinois). Danach war er bis zum August 1980 in der Northern Illinois University in DeKalb (Illinois) eingeschrieben und erlangte eine Bachelor in Betriebswirtschaft.

Von Oktober 1980 bis August 1985 arbeitete er bei der Chicago and Northwestern Transportation Company in verschiedenen Verwaltungsbereichen. 1986 erlange er an der University of Alabama seinen Master in Marketing.[1]

Ab August 1986 bis Juni 1987 arbeitete er bei der Chicago Central and Pacific Railroad als Vizepräsident für Marketing und Verkauf. Von Juli 1987 bis April 1989 war er bei der Indiana Railroad im Marketing beschäftigt. Anschließend war er bis Februar 1991 erneut bei der C&NW im Bereich Lebensmittelproduktion tätig. Von 1991 bis Juli 2007 arbeitete er bei GE Rail Services. Zuletzt war er dort Direktor für Business and Market Intelligence.

Im Juli 2007 gründete er das Beratungsunternehmens Advanced Rail Equipment Solutions, Inc. (zunächst unter dem Namen North American Transport Solutions). In der Funktion als Präsident agierte er dort bis zum Oktober 2012. Gleichzeitig war er von Januar 2008 bis November 2019 als Berater bei Freight Transportation Research Associates, Inc. (FTR) tätig. Von Oktober 2012 bis November 2019 war er Senior Vice President und Chief Commercial Officer beim Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen Alltranstek.

Seit November 2019 ist er Präsident des von ihm gegründeten Unternehmens Integrity Rail Partners. Von 2005 bis 2007 und von 2012 bis 2025 war er im Aufsichtsrat des Lobbyunternehmens National Industrial Transportation League, davon im Zeitraum 2021 bis 2025 als Mitglied des Executive Boards und als Schatzmeister. Von 2019 bis 2021 war im Aufsichtsrat des Beratungs- und Lobbyunternehmens Railway Supply Institute (RSI).

Am 11. September 2025 wurde er von Präsident Donald Trump für den Sitz von Martin J. Oberman in der Aufsichts- und Regulierungsbehörde Surface Transportation Board nominiert. Da bis zum 3. Januar 2026 keine Bestätigung durch das Senatskomitee erfolgte, wurde die Nominierung an den Präsidenten zurückverwiesen und am 13. Januar 2026 erneut an den Senat übermittelt. Am 18. Mai 2026 erhielt er die Bestätigung durch den Senat für eine Amtszeit bis zum 31. Dezember 2028.

Kloster verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung von Schienenverkehrsunternehmen. Als Mitglied des Surface Transportation Board wird er mitentscheiden über die Genehmigung der Fusion der beiden großen Bahngesellschaften Union Pacific Corporation und Norfolk Southern Corporation.[2]

Auf der Website Progressive Railroading veröffentlicht er von 2015 bis 2025 regelmäßig Kolumnen zu Entwicklungen im Schienenverkehr der Vereinigten Staaten.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Weblinks
Stuart Chirls: Trump nominates rail consultant Kloster to STB. In: FreightWaves. 11. September 2025 (freightwaves.com [abgerufen am 15. Januar 2026]).
Senate Commerce Committee Nominee Questionnaire, 119th Congress
Einzelnachweise
Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).
Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Einzelnachweise

Jul 07, 1987, page 24 – The Indianapolis News at Newspapers.com – Newspapers.com. Abgerufen am 23. September 2025 (englisch).

  1. Rail News – Kloster confirmed to Surface Transportation Board. For Railroad Career Professionals. Abgerufen am 27. Mai 2026 (englisch).

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

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Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

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Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

Thursday, 7 January 2021 17:31 UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International