Bouena Sarfatty
Bouena Sarfatty (auch Bouéna Sarfatí), verheiratete Bouéna Sarfatty Garfínkle (griechisch Μπουένα Σαρφατή; geboren 15. November 1916 in Thessaloniki; gestorben 23. Juli 1997 in Montreal), war eine jüdische griechische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg.
Biographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Familie und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bouena Sarfatty war eine Tochter von Simcha Halewa und Moises Sarfatty. Sie hatte einen Bruder und vier Schwestern. Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war, und der älteste Bruder Eliahu wurde das Familienoberhaupt.[1][2] Die sephardische Familie gehörte zur gehobenen Gesellschaft von Saloniki.
Bouena Sarfatty erhielt wie ihre Schwestern auch eine gute Schulbildung und absolvierte anschließend eine Schneiderausbildung in Marseille. Von ihrer Mutter und ihren Tanten erlernte sie die Kunst der Stickerei; die Frauen der Familie Sarfatty waren für ihre herausragende handwerkliche Fertigkeit bekannt.[2] Ihre Muttersprache war Ladino, doch beherrschte sie neben Griechisch auch fließend Französisch, nachdem sie die Mädchenschule der Alliance Israélite Universelle besucht hatte.[1][2]
Die Familie, insbesondere der Bruder Eliahu, pflegte Kontakte zu zionistischen Institutionen wie Keren Hayesod.[1] In Thessaloniki, dem „Jerusalem des Balkans“, lebten zwei Drittel der 70.000 bis 80.000 griechischen Juden.[3]
Widerstand unter deutscher Besatzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der deutschen Besetzung Griechenlands und dem Einmarsch der Deutschen in Saloniki im Jahr 1941 meldete Sarfatty sich wie auch ihre Schwestern und Freundinnen freiwillig beim Roten Kreuz. Sie übermittelte Nachrichten von jungen Männern in Zwangsarbeitslagern an deren Familien. Zudem zeichnete sie Sprichwörter auf Ladino auf und verfasste Hunderte von Versen in dieser Sprache, die die Nöte und Leiden der jüdischen Gemeinschaft widerspiegelten. In diesen Texten berichtete sie etwa davon, dass die Familie einen verwundeten britischen Kriegsgefangenen, der eine Mesusa bei sich trug, in ihr Haus schmuggelte. Als der Mann starb, bestatteten sie ihn nachts heimlich.[1]
Vital Hasson, ein Kollaborateur und Chef der jüdischen Polizei („Politofilaki“) in Saloniki, zwang eine Freundin Sarfattys, seinen Bruder gegen ihren Willen zu heiraten.[1] Sarfatty versuchte, diese Ehe zu verhindern, und zog sich damit die Feindschaft von Hasson zu,[2] der sie daraufhin schlug und öffentlich demütigte: Als sie im Getto Baron Hirsch Trockenmilch für Säuglinge verteilte, zwang er sie öffentlich, selbst so viel davon zu trinken, bis sie sich übergeben musste. Ihr Verlobter wurde an ihrem Hochzeitstag von den Deutschen erschossen, nachdem Hasson die Nationalsozialisten darüber informiert hatte, dass er aus einem Zwangsarbeiterlager geflohen war.[1]
Bouena Sarfatty wurde von den Nationalsozialisten im Gefängnis Pavlos Melas inhaftiert, konnte jedoch mit Hilfe eines als deutscher Offizier verkleideten Partisanen fliehen. Eine belgische Freundin besorgte ihr einen italienischen Pass. Sarfatty schloss sich den Partisanen an, nahm den Namen Maria (Maritsa) Serafamidou an und gab vor, aus Komotini in Thrakien zu stammen. Zu ihren Aufgaben gehörte es unter anderen, Informationen zu beschaffen, während sie als Köchin in einer Küche für die Deutschen arbeitete.[1]
Nach Kriegsende
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Kriegsende 1945 kehrte Bouena Sarfatty nach Saloniki zurück und erfuhr, dass ihr Bruder, ihre Schwester Regina, ihre Großmutter und ihre Tanten in Auschwitz sowie der Mann, der ihr bei der Flucht aus dem Gefängnis geholfen hatte, ermordet worden waren.[1] 50.000 Menschen, fast die gesamte jüdische Bevölkerung Thessalonikis, waren in Vernichtungslager deportiert und ermordet worden.[4] Offiziell arbeitete sie in den Suppenküchen von Flüchtlingslagern der UNRRA, während sie gleichzeitig heimlich den Transport jüdischer Überlebender nach Palästina organisierte.[1] Vor der Deportation hatte ihr Bruder Eliahu den Besitz der Familie an nichtjüdische Freunde und Nachbarn verteilt; als Bouena diese darauf ansprach, begegneten sie ihr mit Ablehnung und Feindseligkeit.[5]
1946 heiratete Bouena Sarfatty Max Garfinkle (1913–1999), mit dem sie in den Flüchtlingslagern zusammengearbeitet hatte. Die Eheleute gingen nach Palästina und zogen in den Kibbuz En haSchofet, den Garfinkle mitgegründet hatte. Dort fühlte sich Sarfatty nicht wohl, weil sie sich als Sephardin von den aschkenasischen Kibbutzniks herablassend behandelt fühlte und niemand außer ihr Ladino sprach; sie selbst konnte kaum Hebräisch sprechen. Im Jahr darauf zogen die Eheleute in das kanadische Montreal.
Sarfatty widmete sich der sephardischen Kultur, indem sie Reime, Redewendungen und Lieder aufzeichnete und eigene Gedichte auf Ladino („Coplas“) verfasste. Zudem schrieb sie ihre Memoiren, die sie ins Englische übersetzen ließ. Die beiden bedeutenden Gedichtsammlungen, die sie in den 1970er Jahren schuf, befassten sich mit dem Leben in Saloniki im 20. Jahrhundert (über 400 Verse) sowie mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in der Stadt (99 Verse). So bewahrte sie ein Stück Kultur der Saloniki-Juden, von denen nur wenige den Holocaust überlebten.[5]
Bouena Sarfatty starb am 23. Juli 1997 im Alter von 80 Jahren und hinterließ ihren Mann, einen Sohn sowie vier Enkelkinder.[1]
Erinnerungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den 1970er Jahren begann die Musikethnologin Judith Cohen Dokumente in Ladino und aus der sephardischen Kultur zu sammeln; Bouéna Sarfatí wurde ihre wichtigste Zeugin. Die „Judith R. Cohen Collection“ wird im United States Holocaust Memorial Museum aufbewahrt.[6]
Publikationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Renee Levine Melammed (Hrsg.): Ode to Salonika: The Ladino Verses of Bouena Sarfatty (= Indiana Series in Sephardi and Mizrahi Studies). 2013.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Holocaust Centre - Bouena Garfinkle. In: intheirownwords.net. 23. September 2022, abgerufen am 26. August 2026 (englisch).
- Beit Avi Chai: Bouena Sarfatty - Partisan & Poet in Salonika - Prof. Renée Levine Melammed auf YouTube, 6. Dezember 2023, abgerufen am 27. August 2026 (Laufzeit: 47:08 min).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Renee Levine Melammed: Bouena Sarfatty Garfinkle 1916–1997. In: Jewish Women's Archive. Abgerufen am 26. August 2026.
- 1 2 3 4 René Levine Melammed: Bouena Sarfatty of Salonika (Part I) – The Jerusalem Post. In: jpost.com. 22. November 2012, abgerufen am 27. August 2026 (englisch).
- ↑ Jens Rosbach: Der Holocaust in Griechenland, Teil 1 - Mit dem Holocaust wurde das jüdische Thessaloniki ausgelöscht. In: deutschlandfunkkultur.de. 24. August 2018, abgerufen am 27. August 2026.
- ↑ Thessaloniki – „Jerusalem des Balkans“. In: deutschlandfunk.de. 19. April 2017, abgerufen am 27. August 2026.
- 1 2 Renée Levine Melammed: Bouena Sarfatty (Part III) – The Jerusalem Post. In: jpost.com. 3. Januar 2013, abgerufen am 26. August 2026 (englisch).
- ↑ Judith R. Cohen Collection. In: portal.ehri-project.eu. 5. Oktober 2023, abgerufen am 26. August 2026 (englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sarfatty, Bouena |
| ALTERNATIVNAMEN | Bouéna Sarfatí; Bouena Sarfatty Garfínkle (Ehename); Σαρφατή, Μπουένα (griechisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | griechische jüdische Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg |
| GEBURTSDATUM | 15. November 1916 |
| GEBURTSORT | Thessaloniki |
| STERBEDATUM | 23. Juli 1997 |
| STERBEORT | Montreal |